Bis ins hohe Alter fit, gesund und schön bleiben – das wollen wir alle. Doch ist das überhaupt möglich? Und wenn ja, wie? Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer. Der bekannte Arzt hat darüber gerade ein Buch verfasst, in dem er erklärt, wie wir für ein gesundes, glückliches, erfülltes und langes Leben sorgen können.
Nachgefragt bei Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer. Er ist emeritierter Professor und Lehrstuhlinhaber für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke.
BEAUTY FORUM: Lieber Herr Professor Grönemeyer: 100 werden und fit sein – geht das?
Dietrich Grönemeyer: Das ist durchaus möglich, wenn der Lebensstil entsprechend gestaltet wird. Allerdings habe ich nicht das Ziel, dem Leben auf Biegen und Brechen mehr Tage abzuringen. Das mache ich auch in meinem neuen Buch „Natürlich altern“ deutlich.
Es geht mir darum, möglichst viel Leben in unsere Tage zu bringen. Mit 60, 80 und auch mit 100. Aber eben auf natürlichem Weg!
Was heißt das denn – natürlich altern?
Wenn ich in der Vergangenheit über „natürlich altern“ nachgedacht hatte, dann störte mich zunehmend der Hype um das Modewort „Longevity“. Denn für mich geht es nicht darum, das Altern zu besiegen. Wer das versucht, verliert. Weil er das Wesentliche übersieht: das Leben selbst. Und das bemisst sich aus dem Zusammenspiel aus Körper, Geist und Seele. Die Idee von „Optimierung bis zum letzten Blutwert“ ist verführerisch, aber hohl! Denn sie misst nur, was zählbar ist – übersieht aber, was wirklich zählt. Ich glaube: Es kommt da-rauf an, wie wir leben. Mit wem. Und mit welchem Blick auf die Welt. Wie viel Güte, Klarheit, Liebe und Humor wir einbringen.
Sie sagen in Ihrem Buch, dass Sie die Formel für „Fit bis 100“ haben. Was sind dabei die wichtigsten Säulen?
Wir haben es in großen Teilen selbst in der Hand. Wie schon gesagt, unser Lebensstil ist dabei entscheidend: Bringen wir mehr Bewegung in den Alltag? Essen wir genussvoll mit wenig Fleisch, mit mehr Gemüse und Ballaststoffen, mit guten Ölen? Reduzieren wir Genussgifte wie Alkohol und Nikotin, nehmen wir uns bewusst Zeit für Entspannungsmomente und achten auf einen erholsamen Schlaf? Können wir das alles mit JA beantworten, steht es gut um uns, natürlich und wohlbefindlich – letzteres ist mir besonders wichtig – zu altern.
Wie wichtig ist die Ernährung?
Sie ist ein Baustein, bildet aber eine wichtige Grundlage für ein gesundes Leben. Wir sollten drauf achten, dass wir unser Essen weniger vom Fleisch oder Fisch her denken, sondern vom bunten Gemüse, von farbenfrohen Salaten und nährstoffreichem Obst. Je bunter der Teller, desto besser und gesünder.
Was ist wichtiger – gesund essen oder genussvoll essen?
Beides gehört zusammen und schließt sich nicht aus. Sich Zeit für besondere Genussmomente zu nehmen, ist mir zum Beispiel wichtig. Ein gutes Glas Rotwein im Freundeskreis zu genießen oder ein Stück Kuchen, das macht mich zufrieden und glücklich. Dieses Wohlbehagen für die Seele ist durch nichts zu ersetzen.
Wie wichtig ist die innere Einstellung?
Enorm wichtig! Sich mit nichts mehr zu beschäftigen, sozusagen nach der Rente abzuschalten, das lässt uns rasant altern. Warum? Unser Gehirn braucht ständig Herausforderungen, je komplexer, desto besser. Sprachen lernen, schreiben, lesen, Musik machen, tanzen, Tischtennis spielen, alles das und vieles mehr kann helfen. Vor allem aber, neugierig sein, raus aus dem alten Trott kommen, kurz gesagt den Arsch hochkriegen. Das mag manchem von uns hart vorkommen, aber mehr Leben in die Jahre bringen kommt nicht von selbst.
Und Bewegung? Ist Muskeltraining wirklich so wichtig? Lieber Fitnessstudio oder lieber Spazieren in der frischen Luft?
Tischtennis und Tanzen hatte ich gerade erwähnt. Aus gutem Grund ist „Turne bis zur Urne“ mein Wahlspruch. Denn Bewegung ist ein wahres Therapeutikum und ein wahrer Energiespender zugleich. Krafttraining oder Übungen auf dem Balance-Pad wie etwa der Einbeinstand verbessern die Koordination und beugen damit Stürzen vor. Die Muskeln werden gekräftigt, haben mehr Power und schützen die Gelenke, insbesondere die Mikromuskulatur profitiert – gut für den Rücken. Von den positiven Einflüssen auf die Psyche ganz zu schweigen. Spazierengehen, Gartenarbeit, Radfahren, Walken, Joggen – was Körper und Geist in Bewegung hält, ist ein Lebensspender.
Sie sagen, die Gemeinschaft sei entscheidend. Wie finde ich auch im Alter noch genügend soziale Kontakte, sodass ich nicht einsam bin?
Soziales Miteinander ist ein Baustein von vielen, aber enorm wichtig für die mentale und körperliche Gesundheit. Angebote für gemeinsame Aktivitätengibt es viele, von Sportvereinen bis Volkshochschulen. Wer hier aber Hilfe sucht, sollte sich notfalls an entsprechende Beratungsstellen wenden.
Kann man in jedem Alter noch die Kurve kriegen? Oder ist es irgendwann „zu spät“?
Es ist nie zu spät, aktiv zu werden. Studien zeigen, dass selbst 70-Jährige noch einen Lebenszugewinn von mehreren Jahren haben, wenn sie ihren Lebensstil entsprechend anpassen. Je eher wir aber damit beginnen, desto besser. Bei 40-Jährigen sprechen wir dann von einem Lebenszugewinn von 20 Jahren und mehr.
Wenn Sie einem Menschen um die 60 drei gute Tipps geben müssten, welche wären das?
Das mache ich ungern, weil solche Tipps die individuellen Bedürfnisse außen vor lassen. Grundsätzlich gilt: Altern ist kein Projekt, das man managen muss. Altern ist ein Lebensabschnitt, den man gestalten darf. Mit etwas Disziplin, ja – aber vor allem mit Großzügigkeit. Gegenüber sich selbst. Und anderen. Dass man gut lebt, liebt und lacht. Und nicht vergisst, wem man wichtig ist. Das ist es, was bleibt.
Vielen Dank für das Interview, lieber Herr Professor Grönemeyer!
Sehr gern!
Dieser Artikel stammt aus dem Fachmagazin BEAUTY FORUM
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