Kann Neurokosmetik empfindliche Haut wirklich beruhigen – und welche Hauttypen profitieren davon? Wir wissen mehr.
Sensible Haut galt lange als Stiefkind der Kosmetikbranche, doch inzwischen rückt sie zunehmend in den Fokus der Forschung. Hinweise zeigen, dass unsere Haut – das größte Organ des Menschen – weit mehr sein könnte als nur eine Schutzbarriere als Abgrenzung zur Umwelt.
Sie wirkt als Sinnesorgan mit Millionen von Nervenenden, Rezeptoren und sensorischen Zellen, die Reize wie Temperatur, Druck, Schmerz oder chemische Substanzen wahrnehmen. Diese Informationen werden über Nervenbahnen ans zentrale Nervensystem weitergeleitet. Umgekehrt könnte die Haut auf Signale aus dem Nervensystem reagieren: Stress, Angst oder Entspannung könnten Blutfluss, Talgproduktion, Entzündungsreaktionen und die Empfindlichkeit der Haut beeinflussen – so die Theorie.
Die Haut-Hirn-Achse verstehen
Dieses Wechselspiel zwischen Haut und Gehirn wird als Haut-Hirn-Achse (Skin-Brain-Axis) bezeichnet. Es gibt die Annahme, dass Neurokosmetik über spezielle Rezeptoren, sensorische Stimuli und neuroaktive Wirkstoffe das Haut-Nerv-System positiv beeinflussen könnte, um zum Beispiel Reizreaktionen zu mildern und das Wohlbefinden zu steigern.
Für Kosmetikerinnen eröffnet sich so ein neues Arbeitsfeld: Pflege, die möglicherweise nicht nur die Hautoberfläche beruhigt, sondern auch die neuronale Reizverarbeitung unterstützt.
Warum Neurokosmetik gerade jetzt mehr Aufmerksamkeit erhält, hat mehrere Gründe: Neue biotechnologische Wirkstoffe erlauben eine gezieltere Ansprache von Rezeptoren, und das Bewusstsein für psychische und emotionale Faktoren der Haut steigt. Gleichzeitig wünschen sich Kundinnen Pflegeprodukte, die Wirkung und Wohlgefühl verbinden – ein Trend, den Kosmetikerinnen nutzen können. Wichtig ist: Es handelt sich um einen potenziell stimulierenden und beruhigenden Ansatz, kein Wundermittel. Die Wirkung lässt sich teilweise über Hautsensitivität, Rötungen, Spannungsgefühle oder das subjektive Wohlbefinden beobachten, ist aber noch nicht abschließend belegt.
Neurokosmetik im Studio anwenden
Die Umsetzung im Studio basiert auf einer Kombination aus Wirkstoff, Ritual, Textur und Duft. Zunächst erfolgt die individuelle Anamnese:
- Wie reagiert die Haut möglicherweise auf Reize, Düfte oder Umweltbedingungen?
- Welche Rolle spielt Stress im Alltag?
Anschließend wird der Raum vorbereitet:
- angenehme Beleuchtung,
- moderate Temperatur,
- dezente Musik und
- sparsam eingesetzte Düfte.
Die Behandlung beginnt mit einer milden Reinigung, gefolgt von einer sanften Aktivierung der Hautsensorik, etwa durch kühlende Texturen oder eine leichte Vibrationsmassage. Danach werden neuroaktive Seren oder Cremes aufgetragen, häufig mit Peptiden, Pflanzenextrakten oder biotechnologischen Rezeptor-Modulatoren.
Erste Studien deuten darauf hin, dass diese Inhaltsstoffe neuronale Prozesse beeinflussen könnten, um etwa Reizempfindungen wie Schmerz oder Juckreiz zu regulieren. Die Applikation erfolgt sanft entlang nervaler Hautzonen, um die sensorische Wahrnehmung zu stimulieren. Eine anschließende Abschlusspflege kann das Gefühl von Schutz und Balance fördern – Pflege wird so potenziell zu einem emotionalen Erlebnis.
Der Effekt von Neurokosmetik auf die Hauttypen
Verschiedene Hauttypen reagieren unterschiedlich auf neurokosmetische Ansätze.
- Empfindliche/reizbare Haut zeigt häufig Rötungen, Brennen oder Spannungsgefühle; sanfte Texturen, Massage und dezente Düfte tragen dazu bei, dass das Hautempfinden als angenehmer erlebt wird.
- Bei Rosacea und Couperose, mit erweiterten Gefäßen und Rötungen lassen sich durch kühlende Texturen und barrierestärkende Wirkstoffe mögliche Reizreaktionen reduzieren.
- Atopische Haut oder stark trockene, barrieresensible Haut neigt zu Juckreiz und Entzündungen; Barrierestärkung und Peptide können die sensorische Reizschwelle beeinflussen und Spannungsgefühle lindern.
- Unreine oder ölige Haut, charakterisiert durch Mitesser und Pickel, profitiert in manchen Fällen von beruhigenden Anwendungen, während direkte Effekte auf die Talgproduktion noch nicht belegt sind.
- Reife Haut mit feinen Linien und Spannkraftverlust wird durch Peptide und entspannende Massage subjektiv angenehmer wahrgenommen, wobei sichtbare Anti-Aging-Effekte nur begrenzt auftreten.
- Bei stress- oder umweltbelasteter Haut, die sich durch fahlen Teint oder Rötungen zeigt, wirken Duft, Massage und angenehme Texturen unterstützend auf Entspannung und Wohlbefinden.
Wohlgefühl statt Wundermittel
Neurokosmetik wirkt vor allem psychoneurologisch und emotional. Das bedeutet: Sie kann das subjektive Wohlbefinden, das Gefühl von Entspannung oder die Wahrnehmung von Hautempfindungen positiv beeinflussen.
Die Effekte entstehen durch Textur, Massage, Duft und sensorische Stimulation – nicht durch magische Veränderungen der Haut.
Die tatsächlich aufgetragene Menge an Wirkstoffen ist sehr klein und die tiefgreifende biologische Wirkung wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen. Die Behandlung kann angenehm sein und beruhigen, aber sie ersetzt keine medizinische Therapie oder garantierte Hautveränderungen.
Die Forschung zu Neurokosmetik befindet sich noch im Aufbau. Die genannten Wirkungen basieren auf präklinischen Studien, ersten Beobachtungen und theoretischen Überlegungen.
Groß angelegte klinische Studien fehlen bislang, daher sollten Wirkungen vorsichtig bewertet werden. Für die Praxis heißt das: Transparenz statt Heilsversprechen. Kosmetikerinnen sollten betonen, dass Neurokosmetik ein vielversprechender, aber noch nicht vollständig erforschter Ansatz ist. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Kundinnen verstehen, dass hier Wissenschaft und Wohlbefinden zusammenfließen und keine Wunder zu erwarten sind.
Neuroaktive Wirkstoffe
Neuroaktive Wirkstoffe in der Hautpflege könnten auf unterschiedliche Weise das Wohlbefinden und die Hautsensorik unterstützen:
- Cica (Tigergras) stärkt vermutlich die Hautbarriere und beruhigt Reizungen.
- Kakaoextrakt und Luteolin tragen möglicherweise zu einem gesteigerten Wohlbefinden bei, während
- Lavendel- und Rosengeranienöl über den Duft entspannend wirken können.
- Magnolienextrakt mit den Wirkstoffen Honokiol und Magnolol zeigt potenziell beruhigende und antioxidative Eigenschaften.
- Niacinamid (Vitamin B3) kann die Barrierefunktion unterstützen und so indirekt vor Entzündungen schützen.
- Probiotische Fermente fördern unter Umständen die Balance des Mikrobioms und reduzieren dadurch Reizreaktionen.
- Rosenwurz wirkt möglicherweise regulierend auf Stresssignale der Haut, und
- Süßholzwurzel kann sensorische Überreaktionen abschwächen.
- Auch manche Peptide haben neuroaktive Eigenschaften. Peptide sind kleine Eiweißbausteine, die Zellprozesse in der Haut regulieren können. Es wird vermutet, dass sie die Kommunikation zwischen Hautzellen und Nervenendigungen beeinflussen können, sodass Reizreaktionen gemildert werden könnten. Beispiele sind Acetyl Hexapeptid-8 (Argireline) zur Muskelentspannung, Matrixyl-Komplex (Palmitoyl Tetrapeptid-7/Palmitoyl Oligopeptid) zur Entzündungshemmung sowie N-Acetyl-Tyrosin zur Ausbalancierung zwischen sensorischen Reizen und Entzündungsprozessen. Auch Dipeptide-2 könnte zur Reduzierung von Mikroentzündungen und Schwellungen angewendet werden.
Lea Becker
Die freie Journalistin recherchiert in den Bereichen Lifestyle, Mode und Beauty für Fachzeitschriften, Print- und Onlinemagazine und Blogs. Ihr Schwerpunkt sind die Themen Hautpflege und dekorative Kosmetik.
Dieser Artikel stammt aus dem Fachmagazin BEAUTY FORUM
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