In der Beauty-Branche ist der Anspruch an Genauigkeit, Ästhetik und Perfektion hoch. Kundinnen und Kunden erwarten ein makelloses Ergebnis – ob bei einem Haarschnitt, einer Hautbehandlung oder einem Make-up. Der Drang, alles fehlerfrei und perfekt auszuführen, kann antreiben und für höchste Qualität sorgen. Doch wo endet gesunde Professionalität – und wo beginnt selbstschädigender Perfektionismus?
Präzises Arbeiten ist im Beauty-Business unverzichtbar. Niemand möchte, dass die Haarfarbe misslingt, die Hautirritationen nach einer Behandlung zunehmen oder ein Braut-Make-up unsauber wirkt. Ein hoher Qualitätsanspruch schafft Vertrauen und Wiederbuchungen. Doch wenn aus Sorgfalt ein innerer Zwang wird, jede Kleinigkeit fehlerfrei abzuliefern, entsteht Druck. Statt Motivation macht sich Unsicherheit breit: „Bin ich gut genug? Was, wenn jemand unzufrieden ist?“
Hinter dieser Haltung stehen oft tiefere Glaubenssätze wie „Nur wenn ich perfekt bin, bin ich wertvoll“ oder „Fehler sind ein Zeichen von Schwäche“. Verstärkt wird dies durch den ständigen Vergleich – ob mit Kolleginnen und Kollegen, Influencerinnen und Influencern oder scheinbar makellosen Bildern auf Social Media.
Die Schattenseiten von Perfektionismus:
Ein gesunder Ehrgeiz treibt an, sich weiterzuentwickeln, neue Techniken zu lernen und Kundinnen zu begeistern. Aber Übertreibung kippt schnell ins Gegenteil:
- Stress und Überforderung: Jeder Termin wird zur mentalen Prüfung.
- Selbstzweifel: Lob verpufft, Kritik trifft doppelt hart.
- Gesundheitliche Folgen: Schlafstörungen, Verspannungen oder Verdauungsprobleme sind oft erste Warnsignale.
- Burn-out-Risiko: Dauerhafter Druck macht langfristig krank.
Gerade Selbstständige im Beauty-Segment sind gefährdet. Wer alleine arbeitet, hat keinen Korrektivpartner, sondern nur den eigenen inneren Kritiker. Dieser meldet sich zuverlässig: „Du hättest es besser machen müssen.“
Warum Perfektionismus auch Vorteile hat: Es wäre falsch, Perfektionismus nur negativ zu sehen. Wer hohe Ansprüche hat, erzielt oft überdurchschnittliche Ergebnisse, baut sich eine treue Kundschaft auf und wird als verlässlich wahrgenommen. Die Kunst liegt darin, die Balance zu halten: zwischen professionellem Anspruch und einem gesunden Maß an Selbstfürsorge.
Wege aus der Perfektionsfalle: Perfektionismus lässt sich nicht von heute auf morgen ablegen. Aber er lässt sich transformieren. Ziel ist nicht, weniger ambitioniert zu sein, sondern realistischer, freundlicher mit sich selbst und mutiger im Umgang mit Fehlern. Folgende Strategien haben sich bewährt:
1. Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge
Perfektionismus lebt oft davon, dass wir mit uns selbst strenger umgehen, als wir es je bei anderen tun würden. Ein zentraler Ausweg ist deshalb, bewusst freundlicher mit sich selbst zu sprechen. Statt innerlich ständig Kritik zu wiederholen, hilft es, sich die Frage zu stellen: „Was würde ich meiner besten Freundin in dieser Situation raten?“
Selbstmitgefühl bedeutet, Fehler nicht als Beweis von Unzulänglichkeit zu sehen, sondern als normale menschliche Erfahrung. Selbstfürsorge heißt, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten – Pausen einzuplanen, ausreichend zu schlafen, Grenzen zu setzen und sich Erholungsinseln zu schaffen.
2. Smarte Ziele setzen
Statt „Ich will entspannter arbeiten“ konkretisieren: „Wenn ich morgen merke, dass ich mich verrenne, plane ich eine 10-Minuten-Pause ein.“ Klare, erreichbare Ziele reduzieren Druck und schaffen Erfolgserlebnisse.
3. Erfolgstagebuch führen
Notieren Sie jeden Abend drei Dinge, die gut gelungen sind – auch kleine Erfolge zählen. So verschiebt sich der Fokus vom Fehlerdenken hin zur Selbstbestärkung.
4. Positive Selbstgespräche
Statt „Das war nicht gut genug“ bewusst umformulieren: „Ich habe mein Bestes gegeben – und das reicht.“ Affirmationen kön- nen helfen, innere Dialoge zu verändern.
5. Den „Notfallkoffer“ packen
Sammeln Sie Zettel mit Antworten auf Fragen wie: „Was kann ich gut?“, „Wen kann ich im Zweifel fragen?“ – griffbereit für Momente von Selbstzweifeln oder Stress.
6. Stärkende Umgebung schaffen
Suchen Sie gezielt Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder Communitys, die bestärken. Ein positives Umfeld schützt vor dem Strudel aus Vergleichen und Selbstkritik.
7. Körper in Bewegung bringen
Regelmäßige Bewegung – ob Sport, Yoga oder ein Spaziergang – wirkt nachweislich stressreduzierend und verbessert das Körpergefühl. Wer im eigenen Körper Stärke spürt, tritt auch beruflich souveräner auf.
Fehler als Lernquelle: Der vielleicht wichtigste Perspektivwechsel: Fehler sind kein Beweis von Unfähigkeit, sondern eine Chance zu wachsen. Eine missratene Behandlung oder unzufriedene Kundschaft ist nicht das Ende der Professionalität, sondern ein Hinweis, an welchem Punkt man noch nachjustieren darf.
Mehr Leichtigkeit im Beauty-Alltag: Selbstständige in der Beauty-Branche tragen oft doppelte Last: die Verantwortung für Kundenzufriedenheit und den Druck der Selbstorganisation. Perfektionistische Muster können hier zur Dauerschleife werden. Doch es gibt Wege heraus – Schritt für Schritt.
Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein gesunder Umgang mit eigenen Ansprüchen: professionell, ambitioniert und zugleich menschlich. Denn echte Schönheit entsteht nicht aus Fehlerlosigkeit – sondern aus Echtheit, Vertrauen und Leichtigkeit.
Dr. Julia Spiegel
Die beiden Autorinnen sind psychologische Psychotherapeutinnen mit langjähriger Erfahrung in Therapie, Coaching und Seminararbeit. Sie haben gemeinsam das Buch "Guts ist gut geung - Sich vom Perfektionismus befreien" geschrieben. www.dr-julia-spiegel.de
Marie Christin Sponheimer