Die richtige Anrede: Du oder Sie?

10.04.2026
Foto: Zoriana Zaitseva/Shutterstock.com

Wie sprechen Sie Neukundinnen und -kunden oder neue Lieferanten an? Gleich mit dem heute anscheinend allgegenwärtigen, lockeren Du? Erst einmal mit förmlichem Sie? Oder ist diese Höflichkeitsform etwa schon am Aussterben? Wann welche Anrede angebracht ist, wie man das herausfindet oder welche Möglichkeiten es sonst noch gibt, beleuchtet dieser Artikel ganz  ausführlich und gibt pragmatische Hilfestellungen für den Berufsalltag.

Du oder Sie? Es ist wie immer: Es kommt darauf an! Die richtige Anrede hängt sehr vom Gesprächspartner ab: Handelt es sich um Stamm- oder Neukundschaft? Lieferanten? Berufskolleginnen oder -kollegen? Vermieterin oder Vermieter? Behörden? Wie sieht es bei einer neuen Gesprächspartnerin oder einem neuen Gesprächspartner aus? Wird die Sie-Form erwartet? 

Für den Start

Eine gute Idee ist immer, erst einmal abzuwarten, wie Sie angesprochen werden. Auf jeden Fall gilt: Alle Anreden sind jeweils mit Vor- und Nachteilen verbunden. Generation Z fühlt sich beispielsweise eher mir Du angesprochen als mit Sie. Ist die Sie-Form deshalb ein Auslaufmodell? Wir nehmen die Formen unter die Lupe:

Schriftlich oder mündlich 

In einer E-Mail beginnt man bei Erstkontakten stets mit der Sie-Form und wartet die weitere Entwicklung ab, wie das Gegenüber reagiert. Vom Alter der Person hängt die Anrede inzwischen allerdings weniger ab. Im schriftlichen Kontakt gibt es Varianten für die Sie-Anrede: „Sehr geehrte Frau …“, „Liebe Frau …, „Hallo Frau …, „Guten Tag Frau …“. 
Grundsätzlich gilt: Dem schriftlichen Du geht das persönliche Du voraus. Unterschiede zwischen persönlicher und schriftlicher Anrede sollte es nicht geben. 
Manche Firmen duzen ihre Kundinnen und Kunden bei der Online-Bestellung, aber im persönlichen Kontakt werden sie dann gesiezt – das ist nicht so glücklich.

Typisch für „Sie“ 

Siezen steht nicht grundsätzlich vor dem „Aus“. Es wird immer noch benutzt und ist für viele die gängige Anrede im Business. Vor allem wenn das Gegenüber mit dem „Sie“ das Gespräch beginnt. „Sie“ muss nicht steif und spießig sein, sondern zeigt eventuell nur, dass Nähe und Vertraulichkeit noch nicht vorhanden sind. Oder auch nicht erwünscht. So sehr die „Duz-Welle“ in den Berufsalltag im Trend liegt – Beziehungen werden dadurch nicht automatisch besser. Früher hat  immer der Ranghöhere oder der Ältere bestimmt, ob man sich duzt. Das ist vorbei.  
Typisch für „Du“
Duzen signalisiert der Kundschaft: „Bei uns im Team läuft alles ganz locker und easy“. Und zeigt, dass man auf Augenhöhe spricht. Beim Einstieg zum Du, beim Start, entsteht eine gewisse Unsicherheit – das darf auch thematisiert werden. Das Du vereinfacht das Miteinander, verringert Barrieren zur Kundschaft und passt gut in die Zeit. Beim Du erwartet die Kundschaft Entgegenkommen und Verständnis (Beispiel: Verspätungen, Unterbrechung der Behandlung durch Handy). Kann der lässige Umgangston aber auch täuschen? Wenn positive Einstellung und Wertschätzung fehlen, kann auch beim Du Distanz vorhanden sein. Mit dem Du wird die bekannte Sie-Distanz nicht automatisch abgebaut. Ob Sie oder Du – die unterschiedliche Anrede ist gängige Praxis, ist aber auch komplizierter als eine einheitliche Anrede. 
Spitznamen sind im Job weniger angebracht als im Privatbereich. Nur in privater, vertraulicher Beziehung geht es auch mit Spitznamen: Statt Beate „Bea“, statt Isabelle  „Isa“, statt Caroline „Line“. 
Die Sie-Ansprache mit dem Vornamen zu verbinden, ist eine Kompromisslösung zwischen förmlicher und lockerer Ansprache. Das ist eine Übergangsform von Sie zum Du. In Verbindung mit dem Vornamen lässt sich die Anrede allmählich ändern, der Übergang zum  Du wird damit angedeutet. Bei der Übergangsform wird die Mitarbeiterin mit ihrem Vornamen angesprochen, aber per Sie.
Bei schwer aussprechbare Namen (zum Beispiel Marion Paradentizinky) oder Doppelnamen (Britta Enderle-Heselbacher) tendiert man zum Vornamen in der Kombination mit Sie: „Marion, können wir Ihren Termin ändern?“ Das sollte jedoch vorher abgesprochen werden. 

Das Persönlichkeitsgesetz

In Frankfurt hat eine Kosmetikerin nur ihren Vornamen und die Berufsbezeichnung auf ihrer Visitenkarte. Auf der Homepage kann man auf die Angabe „Frau“ oder „Fr“ verzichten, wichtiger ist der Vorname. Das gilt auch für das Namenschild. Neukunden fragen sich: Wie soll ich die Kosmetikerin beim Erstkontakt ansprechen? Stellt sich die Kosmetikerin mit „Ich bin die Daniela“ vor, ist das ein Signal für Neukundschaft. 
Langjähriges Duzen kann bei Unstimmigkeiten ein Ende finden, und es kommt wieder zur Sie-Ansprache. Wenn die Kosmetikerin oder der Kosmetiker sich wegen einer Kundin oder eines Kunden geärgert hat oder herabgesetzt fühlt, ist das Du nicht mehr angemessen. 
Der Weg zurück zum Sie hat aber Stolpersteine. Nach dem Persönlichkeitsrecht kann das Du ausgeschlossen werden, wenn einer der beiden auf das Sie besteht. Aber wer kann es sich leisten, das Angebot zum Du abzulehnen? Eine Ablehnung will gut überlegt sein, weil es den Anbieter des Du „beleidigt“.
„Ein Mensch erlebt den krassen Fall, man duzt sich deutlich überall – und trotzdem merkt man, weit und breit oft nicht die Spur von Herzlichkeit.“(Joseph Roth)

Das „Ich-Produkt“

So wie ein Produkt eine Marke ist, so sind auch Sie durch Ihre Selbstpräsentation eine Marke. Die Selbstpräsentation hängt mit der Anrede zusammen und kann zum Elevator Pitch werden. Ihr persönliches Branding sollte mit Ihrer inneren Einstellung übereinstimmen, nicht aufgesetzt sein. 

 

Key Points

  • Duzen zeigt geringere Distanz und Nähe zum anderen.
  • Unter Berufskolleginnen und -kollegen ist das Du üblich.
  • Oft sind Alter und Nationalität entscheidend, wie man sich anspricht.
  • Das Du suggeriert Vertrautheit, in vielen Fällen ist sie trotzdem nicht vorhanden.
  • Siezen wirkt respektvoll und distanziert, liegt bei jungen Menschen aber nicht im Trend.
  • Es kann als Ablehnung von persönlichen Beziehungen bewertet werden. Kundenbindung wird dadurch aber nicht blockiert.


Literatur 

David Wolf „Duzen – Siezen: Anrede“, Business-Wissen 2019

Rolf Leicher

Rolf Leicher
Der Diplom-Betriebswirt aus Heidelberg ist Fachautor für Betriebs- und Personalführung sowie Marketing.

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