Die Behandlung der atopischen Haut alias Neurodermitis hat eine stoffliche und eine die beteiligten Nervenleitungen betreffende Perspektive. Beide sind Inhalt unserer Übersicht.
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Die Diagnose der atopischen Haut wird in der Regel nicht in der neurologischen Praxis, sondern in der dermatologischen Praxis erstellt oder von erfahrenen Kosmetikfachkräften vermutet. Die Analyse der Hautkondition ist eine wichtige Komponente.
Pruritus (Juckreiz) und Kratzreflexe sind typisch für atopische Haut, deren Kondition sich von „normaler Haut“ unterscheidet:
- Störung der Ceramid-Bildung mit Einfluss auf die Integrität der Hautbarriere
- Veränderter Stoffwechsel im Filaggrin-Haushalt
- Erhöhung des Oberflächen-pH-Werts der Haut durch veränderte Mikrobiom-Populationen
- Veränderter Haushalt der endogenen antimikrobiellen Proteine (AMP)
- Geschwächte oder überschießende Immunantworten durch ein erblich bedingtes, verändertes Immunsystem
- Genetischer Defekt der Delta-6-Desaturase – die Umwandlung von Linolsäure in Gamma-Linolensäure ist gestört.
- Sensibilisierungen aufgrund von Allergien und/oder Intoleranz
- Infektionen durch pathogene Keime wie Staphylococcus aureus
Begriffsklärung: Neurodermatosen und Co.
- Neurodermatose ist der Oberbegriff und umfasst alle Hauterkrankungen wie die Neurodermitis, an denen Reizleitungen zwischen Haut und Gehirn beteiligt sind.
- Neurogen bezeichnet Vorgänge, die durch das Nervensystem ausgelöst werden.
- Neurogeriatrie befasst sich mit nervlich bedingten Erkrankungen im Alter.
- Neuromarketing entwickelt Strategien, um Kaufentscheidungen unter Nutzung neurologischer Prozesse unbewusst zu beeinflussen.
- Neuronal – gleichbedeutend mit dem Adjektiv „nervlich“ – betrifft alles, was mit dem Nervensystem zu tun hat.
- Neuropathie: schmerzhafte Reaktionen peripherer Nerven, zum Beispiel auch Brennen und Kribbeln.
- Neurophysiologie ist ein Teilgebiet der Physiologie und beschäftigt sich mit den körperlichen Vorgängen in und um das Nervensystem.
- Neuropsychologie betrachtet die Einflüsse des Nervensystems auf psychologische Vorgänge und umgekehrt.
- Neurosensitiv bezeichnet den Umstand, Reize intensiver zu spüren und stärker darauf zu reagieren.
- Neurotransmitter sind chemische Moleküle, die Reize im Körper weiterleiten.
Präparate
Den einzelnen Faktoren kann mit passenden Präparaten in der Hautpflege und in der Verordnung von Medikamenten entgegengewirkt werden – sei es durch gezielte Applikation in den Akutphasen oder in der Daueranwendung:
- Barriereaktive Hautpflege mit lamellarer, der Hautbarriere analogen Struktur: Die lamellaren Lipiddoppelschichten (Bilayer) werden durch körperidentische Bestandteile oder funktionell gleiche physiologische Stoffe wie Ceramide, Phytosterine, langkettige Fettsäuren unter Zuhilfenahme von hydriertem Phosphatidylcholin gebildet. Darüber hinaus sind dem Sebum entsprechende Lipidzusätze und den Filaggrin-Haushalt stützende Wirkstoffe wie EGCG empfehlenswert.
- Präparate mit Gamma-Linolensäure (Borretsch-, Nachtkerzenöl)
- Immunsuppressive Medikamente wie Pimecrolimus und Tacrolimus (Calcineurin-Inhibitoren) haben sich schon lange etabliert. Relativ neu sind Abrocitinib (JAK1-Inhibitor), Difamilast (PDE-4-Hemmer), Dupilumab (IL-4/IL-13-Inhibitor), Nemolizumab (IL-31-Antikörper), Tralokinumab (IL-13-Inhibitor) und Upadacitinib (JAK1-Inhibitor). Sie blockieren direkt oder indirekt Botenstoffe und wirken entzündungs- und/oder juckreizhemmend.
Kontraproduktive Einflüsse
Neben zielführenden Behandlungsoptionen gibt es kontraproduktive Anwendungen und Inhaltsstoffe von Hautpflegemitteln, die zu vermeiden sind:
- Langzeitanwendung von entzündungshemmenden Glucocorticoiden. Sie beeinflussen unter anderem die Struktur und Dicke der Haut.
- Peelings, die den NMF (Natural Moisturizing Factor) schädigen. Rein hygroskopische, das heißt feuchtigkeitsbindende Stoffe können die verloren gegangenen Aminosäuren nicht ersetzen, da diese gleichzeitig exogene Radikale neutralisieren.
- Häufiges Waschen und Duschen unter Zuhilfenahme von (Flüssig-)Seifen oder anderer tensidhaltiger Produkte, die durchweg die Barriere schädigen, selbst wenn sie Rückfetter enthalten.
- Verwendung von Wasser mit hoher temporärer und/oder permanenter Härte. Sie binden die Fettsäuren der Hautbarriere und machen sie rissig.
- Hautpflege mit biologisch nicht abbaubaren Emulgatoren, die bei der späteren Reinigung zum Auswaschen barriereaktiver Stoffe neigen.
- Konservierungsstoffe, die das Mikrobiom angreifen und gegebenenfalls zu Resistenzen und somit zu veränderten Mikrobiom-Populationen führen.
- Hohe Dosierungen von Antioxidantien und/oder nicht physiologischer, schwer abbaubarer Chelatbildner wie EDTA. Beide Substanzgruppen wirken sich hemmend oder schädigend auf die Oxidoreduktasen des Haut-Mikrobioms und die endogenen antimikrobiellen Peptide (AMP) aus.
- Duftstoffe, die als solche sensibilisierend wirken oder erst durch Einwirkung von Sauerstoff und Strahlung Allergene bilden.
Neurodermatose und Co.
Mit den Nerven verbinden wir meist belastende, negative Assoziationen. Das gilt mit Ausnahme von angenehm empfundenen Berührungen auch für die Haut, an der wir Schmerzen, Jucken, Kribbeln, Wärme und Kälte verspüren können. Auch faltenbildende Spannungen und psychogenes Schwitzen gehören dazu. Dabei werden die Reize sowohl von der Haut zum Gehirn als auch umgekehrt geleitet, sodass es manchmal schwerfällt, Ursache und Wirkung eindeutig festzumachen.
So verhält es sich vielfach mit dem Juckreiz bei atopischer Haut. Dieser Zusammenhang kommt in vielen Begriffen wie der Neurodermitis durch den Bestandteil „neuro“ zum Ausdruck.
Neuronale Beeinflussung
In der atopischen Haut spielen neurogene, das heißt von den Nerven ausgelöste Impulse eine wesentliche Rolle – wie man es zum Beispiel auch von Blasenstörungen kennt.
Nerven werden endogen oder durch äußere Einflüsse chemischer oder physikalischer Natur, unter anderem auch durch die Witterung, angesprochen. Typisch ist der Anstieg von Neurodermitis-Schüben zum Beginn der kälteren Jahreszeit.
Umgekehrt lassen sich Nervenimpulse biochemisch und physikalisch von außen beeinflussen, zum Beispiel durch Medikamente, Kosmetika, Akupunktur, Microneedling oder Wärme, Kälte, Strahlung. In diesem Zusammenhang ist auch die Neurosensitivität von Bedeutung, das heißt die Potenzierung der Empfindlichkeit der Nerven bei Einwirkungen von außen.
Neurokosmetika
Neuerdings ist die Bezeichnung „Neurokosmetika“ alias „Neurocremes“ in aller Munde. Das sind Präparate mit Inhaltsstoffen, die Reizen oder Schmerzen entgegenwirken oder Kälte- oder Wärmeempfindungen erzeugen. Im Englischen werden sie als „Neuroactives“ bezeichnet.
Laureth-9 (INCI) alias Polidocanol (INN) und 4-t-Butylcyclohexanol (INCI) sind typische, bereits länger bekannte Vertreter, die in der Mischung mit anderen Stoffen deren irritierendes Potenzial maskieren. Sie setzen die Neurosensitivität herab. Weil eine Warnung seitens der Nerven ausbleibt, wurde der Einsatz dieser Stoffklasse in Leave-on-, das heißt auf der Haut verbleibender Kosmetika schon seit einiger Zeit vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR) abgelehnt.
Nichtsdestotrotz werden Neurokosmetika von der Kosmetikindustrie explizit vermarktet und mit vielen Versprechen angeboten. Die bereits erwähnte Faltenreduzierung gehört selbstverständlich auch dazu. Inwieweit eine neuronale Wirkung tatsächlich zutrifft, ist in vielen Fällen fraglich, insbesondere wenn die Bezeichnung plötzlich auf altbekannte Wirkstoffe angewandt wird.
Lange bekannt sind Wirkstoffe, die auf Thermorezeptoren wirken und Wärme- (zum Beispiel Capsaicin) oder Kältereize (zum Beispiel Menthol) auslösen.
Häufig erhalten Präparate deshalb den Zusatz „Neuro“ in ihrem Namen, weil sie für die Hautpflege bei atopischer Haut empfohlen werden und sie lediglich der Barriere- und Hautfeuchteverbesserung dienen.
„Biomimetische“ marine Peptide sowie Glucoside verschiedener Pflanzensäuren werden zur „Beruhigung“, insbesondere bei Hautrötungen, Entzündungen, Juckreiz und Überempfindlichkeit, ausgelobt. Cannabidiol (CBD) ist ein weiterer Wirkstoff mit schmerz- und entzündungshemmender Wirkung.
Neurodermatika
Polidocanol (INN) gehört in der Medizin, wenn es also nicht darum geht, exogene Reizstoffe, zum Beispiel in Kosmetika, zu maskieren (siehe oben), sondern endogene, neurogene Reize, sprich: Juckreiz, zu dämpfen, zur etablierten Behandlung bei Neurodermitis.
Soweit Neurotransmitter beeinflusst werden, kann man einige der bereits genannten Wirkstoffe auch zu diesem Kreis zählen.
Darüber hinaus werden Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel vertrieben, die der „Nervengesundheit“ dienen sollen. Darunter sind Präparate mit hoch dosierten Vitaminen B1, B6, B12, E sowie Methylcobalamin und Alpha-Liponsäure zu nennen. Mit ihnen wird das Ziel verfolgt, geschädigte Nerven zu regenerieren. Zum Teil werden sie mit 2-[1-(Aminomethyl)cyclohexyl]essigsäure (Gabapentin) kombiniert, um neuropathische Schmerzen zu behandeln.
Neuronale Prävention
Man muss kein Neurologe sein oder die neurologischen Vorgänge zwischen Gehirn und Haut im Detail kennen, um zur Feststellung zu kommen, dass Stress – und damit sind wir bei der Neuropsychologie – einen großen Einfluss auf die Auslösung und den Verlauf neuropathischer Erscheinungen bei atopischer Haut hat. Dementsprechend kommt der Stressprävention ein hoher Stellenwert zu. Es gilt daher, die einzelnen Stressfaktoren zu identifizieren und zu eliminieren:
- Psychische Belastung im Alltag und Beruf: Als Gegenmaßnahme eignen sich Entspannungstechniken.
- Klimatische Einflüsse wie Wärme, Kälte, Trockenheit, Nässe: Als Gegenmaßnahme kommt der naturgemäß selten realisierbare saisonale Wechsel des Aufenthaltsortes infrage.
- Noceboeffekte: Auf einer individuellen Konditionierung beruhende, abträgliche Reaktionen gegen bestimmte Stoffe. Dazu gehören beispielsweise allein die Namensnennung von Lebensmittel- oder Kosmetik-Inhaltsstoffen, aber auch Ekel, der Botenstoffe mit Wirkung auf die Haut erzeugt. Medizinisch wird dies als Flare-Reaktion bezeichnet.
Das Gegenteil zu einem Nocebo- ist der Placeboeffekt, also eine positive Reaktion auf einen Stoff ohne Wirkung. In diesem Umfeld kann unter Umständen die Kreativität eines Psychologen einen großen Einfluss haben.
Soweit allergene Reaktionen im Spiel sind, sollten die Auslöser abgestellt oder alternativ, sofern möglich, das Immunsystem trainiert werden. Beispiel: Desensibilisierung durch orale Gabe von Pollen bei einer Pollenallergie.
Abschließend noch die Bemerkung, dass die neuronale Prävention auch bei anderen Indikationen wie der Rosacea eine Rolle spielen kann.