Die hormonelle Umstellung beeinflusst Spannkraft und Funktion des Beckenbodens. Bereits vor dem Auftreten stärkerer Beschwerden den Beckenboden zu trainieren, zahlt sich aus. Dr. med. Rieke Hermann erklärt im Interview, welche Strategien helfen.
Wie wirken sich die Veränderungen am Beckenboden in den Wechseljahren auf die Gesundheit und das Wohlbefinden aus?
Dr. med. Rieke Hermann: Mit der hormonellen Umstellung verändert sich auch die Spannkraft des Bindegewebes und die Funktionalität des Beckenbodens. Beide sind insbesondere auch östrogenabhängig. Dies kann Beschwerden wie Inkontinenz und auch Organsenkungen verstärken. Auch die Harnblasenschleimhaut braucht Östrogene, deshalb kommt es bei einem Östrogenmangel oftmals zu einem häufigeren Harndrang, einer sogenannten überaktiven Blase, und auch Harnwegsinfektionen sind häufiger. Da die Vaginalschleimhaut ebenso „dünner“ wird durch den Hormonmangel, kann es zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und vaginaler Trockenheit kommen.
Wann sollten Frauen mit Beckenbodenübungen beginnen?
Idealerweise starten Frauen bereits frühzeitig, also bevor stärkere Beschwerden auftreten. Prävention ist hier ein entscheidender Faktor, denn ein gut funktionierender Beckenboden kann den alters- und hormonbedingten Veränderungen besser entgegenwirken. Spätestens bei ersten Symptomen sollte gezielt begonnen werden. Wichtig ist aber auch, es ist nie zu spät!
Welche Übungen haben sich als besonders effektiv erwiesen?
Entscheidend ist eine individuelle Kombination aus Aktivierung und Entspannung. Denn ein gesunder Muskel ist in der Lage, sich anzuspannen und zu entspannen. Nicht selten sehe ich Patientinnen mit Verspannungen des Beckenbodens, die ebenso Probleme machen können. Wichtig sind Übungen, die den Beckenboden gezielt ansteuern, sogenannte Kegelübungen, aber auch funktionelle Übungen, die auch die tiefe Bauchmuskulatur mit trainieren. Auch über eine gezielte tiefe Bauchatmung im Alltag können wir den Beckenboden in seiner vollen Funktion stärken. Pilates und Yoga sind super, aber auch gezieltes Krafttraining, die die Muskeln der Beine und Gesäß stärken. Dabei wird der Beckenboden oft nebenbei mit trainiert.
Entscheidend ist eine individuelle Kombination aus Aktivierung und Entspannung.
Wie lässt sich der Trainingsfortschritt sinnvoll messen?
Zum einen natürlich durch den Rückgang der Symptome wie Inkontinenz oder weniger Druckgefühl. Aber auch Rückenschmerzen können besser werden und die Empfindsamkeit beim Geschlechtsverkehr. Klinisch kann bei der Untersuchung die Spannkraft mittels verschiedener Skalen gemessen werden. Auch App-gesteuerte Beckenbodentrainer können Fortschritte aufzeichnen.
Gibt es Risiken oder Kontraindikationen?
Generell gibt es erst einmal keine Risiken. Wenn man jedoch unsicher ist, ob der Beckenboden verspannt ist oder ob man ihn überhaupt richtig ansteuern kann, würde ich eine Untersuchung bei einer spezialisierten Fachkraft empfehlen. Dort kann geschaut werden, ob der Beckenboden richtig angesteuert wird und ob eher Entspannungsübungen zu empfehlen sind. Falsches Training mit einer Neigung zum „Pressen“ und damit gesteigertem Druck im Bauch, anstatt einem „Nach oben bewegen“ des Beckenbodens sollte auch vermieden werden. Treten Schmerzen während oder nach dem Training auf, sollte dies fachärztlich abgeklärt werden.
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Warum ein starker Beckenboden so wichtig ist, erklären Dr. med. Rieke Hermann und Katharina Charissé, Mitgründerin der Mamacademy, Yogalehrerin und Mentorin für Frauen, in ihrem Buch „Die Beckenboden-Revolution – Selbstbestimmt und stark durch Schwangerschaft, Geburt und dein Leben als Frau“ (ISBN 978-3-517-10386-0, Südwest Verlag).
Dr. med. Rieke Hermann
Die Frauenärztin, Beckenbodenspezialistin, Ernährungsmedizinerin und Yogalehrerin hat eine eigene Praxis in Frankfurt am Main. www.frauenaerztin-hermann.de