Hautirritationen treten häufig in der medizinisch-kosmetischen Behandlung auf und lassen sich meist an Erythemen, Pusteln und sensorischen Beschwerden wie Juckreiz und Brennen erkennen. Kosmetikwissenschaftlerin Frauke Habben erklärt, wie irritierte Haut entsteht und welche Pflegewirkstoffe ein zentraler Baustein einer individuellen Pflegeroutine sein können.
Gereizte Haut (orthoerge Dermatose) oder irritierte Haut entsteht durch direkte chemische Reaktionen auf Irritantien. Diese Reaktion ist nicht immunologisch vermittelt und betrifft grundsätzlich alle Hauttypen.
Auch kosmetische Faktoren spielen eine Rolle: Die falsche Auswahl von Pflegewirkstoffen kann Irritationen begünstigen. Besonders die Verwendung mehrerer potenter Wirkstoffe wie Retinol in Kombination mit Alpha- und Betahydroxysäuren (AHA/BHA) kann bei empfindlicher Haut schnell zu Irritationen führen. Sowohl Retinol als auch AHA und BHA wirken exfolierend, das heißt, sie fördern die Abschuppung der Haut und können die Barriere zusätzlich schwächen.
Um eine irritierte Haut zu beruhigen, die Barriere wieder zu stärken und die Missempfindungen zu reduzieren, lassen sich spezifische Pflegewirkstoffe in die Hautpflegeroutine implementieren.
Auf einen Blick
- Die gezielte Auswahl und Kombination evidenzbasierter Pflegewirkstoffe ist entscheidend für die Pflege und Prävention von Hautirritationen im medizinisch-kosmetischen Bereich.
- Eine individuelle Anpassung der Pflegeroutine unter Berücksichtigung der Hautbarriere und der spezifischen Bedürfnisse des Hauttyps ist essenziell für eine nachhaltige Hautgesundheit.
- Die Integration von barriereaufbauenden, beruhigenden und schützenden Wirkstoffen wie Ceramiden, Allantoin, Panthenol und Ectoin kann dazu beitragen, irritierte Haut effektiv zu regenerieren und zukünftigen Irritationen vorzubeugen.
1 Beruhigende Pflegewirkstoffe
- Allantoin ist ein etablierter Pflegewirkstoff in der medizinischen Kosmetik, der bereits seit über 70 Jahren breite Anwendung findet. Historisch wurde Allantoin aus dem Proteinmetabolismus verschiedener tierischer und pflanzlicher Organismen hergestellt, darunter Rosskastanie und Aloe vera. Heute kann der Wirkstoff auch synthetisch gewonnen werden, zum Beispiel durch die Oxidation von Harnsäure. Allantoin zeichnet sich durch eine hohe Biokompatibilität und durch ein breites Wirkspektrum aus und ist insbesondere für seine hydratisierenden, beruhigenden sowie regenerierenden Eigenschaften bekannt. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Allantoin in kosmetischen Formulierungen die hauteigenen Heilungsprozesse beschleunigen kann, indem die Reepithelialisierung gefördert und Entzündungsprozesse gehemmt werden. Auf diese Weise unterstützt Allantoin die Wundheilung und trägt zur Linderung von Hautirritationen bei.
- Panthenol, auch als Provitamin B5 bekannt, ist ein alkoholisches Derivat der Pantothensäure, die zu den B-Vitaminen gehört. Panthenol verfügt über eine ausgeprägte Penetration in die Haut, weshalb es sich besonders für die topische Anwendung eignet. Bei einer Konzentration von 0,6 bis 5 Prozent wird Panthenol verwendet, um die Hautfeuchtigkeit zu erhöhen. Klinische Untersuchungen haben gezeigt, dass Panthenol den transepidermalen Wasserverlust deutlich verringert, was zu einer besseren Feuchtigkeitsversorgung der Haut führt. Zudem besitzt es entzündungshemmende Eigenschaften, lindert Juckreiz und unterstützt die Wundheilung durch die Stimulation der Reepithelialisierung. Durch diese vielseitigen Wirkspektren werden Hautirritationen gemildert, die Empfindlichkeit der Haut reduziert und die Elastizität insgesamt verbessert.
- Bisabolol aus der Kamille wird als ätherisches Öl bereits seit Jahrhunderten als Heilmittel zur Behandlung entzündlicher Dermatosen wie Ekzemen oder atopischer Dermatitis eingesetzt. In der medizinischen Kosmetik findet vorwiegend der flüchtige Bestandteil α-Bisabolol Anwendung. Dem Pflegewirkstoff wurden in zahlreichen wissenschaftlichen Studien vielfältige hautphysiologische Effekte zugeschrieben, darunter ausgeprägte antiinflammatorische, reizhemmende und hautberuhigende Eigenschaften, die den Regenerationsprozess sensibler und irritierter Haut unterstützen. Insbesondere bei einer Konzentration von bis zu 0,5 Prozent konnte in klinischen Studien gezeigt werden, dass α-Bisabolol Hautreizungen nachhaltig lindert und die Haut effektiv beruhigt. In kosmetischen Formulierungen wird er somit zur Prävention und Therapie von Hautveränderungen wie Irritationen eingesetzt.
2 Barriereaufbauende Pflegewirkstoffe
- Ceramide zählen zu den Sphingolipiden, einer Art von Lipiden, die in den interzellulären Räumen des Stratum corneum vorkommen und wichtige Bestandteile der zellulären Membranen darstellen. Sie sind zentrale Komponenten der natürlichen Barrierelipide der epidermalen Hautschichten und machen etwa 50 Prozent der Lipidmasse des menschlichen Stratum corneum aus. Diese Barrierelipide umgeben die Korneozyten und bilden eine Lipidmatrix, die zur Speicherung von Wasser beiträgt und somit die epidermale Hydratation sichert. Darüber hinaus sind Ceramide an der Regulation zellulärer Prozesse wie der Keratinozyten-Differenzierung und der Apoptose beteiligt. Sie übernehmen zudem eine schützende Funktion, indem sie zusammen mit weiteren Lipidkomponenten die epidermale Permeabilitätsbarriere ausbilden, die das Eindringen pathogener Mikroorganismen verhindert. Etwa zwölf verschiedene Ceramidklassen lassen sich anhand ihrer Kettenlänge und strukturellen Eigenschaften unterscheiden. Besonders Ceramid I ist für die Integrität und Funktionalität der epidermalen Barriere von Bedeutung. Die Anwendung von Ceramiden in medizinisch-kosmetischen Formulierungen kann die Hautbarriere somit stärken und das Risiko für Irritationen und Barriereschädigungen nachhaltig reduzieren.
- Squalan ist ein transparentes, farb- und geruchloses Öl, das aufgrund seiner hautphysiologischen Eigenschaften einen festen Platz in der modernen medizinischen Kosmetik einnimmt. Es handelt sich um die vollständig hydrierte, gesättigte Form des Squalens. Mit 13 Prozent ist Squalen ein wichtiger Bestandteil der Oberflächenlipide wie etwa des Sebums. Somit ist Squalan eine natürliche Komponente der epidermalen Barrierefunktion und spielt eine zentrale Rolle beim Schutz vor transepidermalem Wasserverlust (TEWL) sowie vor oxidativem Stress durch exogene Noxen. Squalan dient in medizinisch-kosmetischen Produkten als sogenanntes Emolliens, das aufgrund seiner strukturellen Ähnlichkeit zum hauteigenen Squalen eine hohe Penetrationsfähigkeit aufweist und die Hydratation der Haut verbessert. Es trägt zur Aufrechterhaltung des Feuchtigkeitsgehalts im Stratum corneum bei, indem es auf der Hautoberfläche einen durchlässigen Schutzfilm bildet. Aufgrund dieser vielseitigen pflegenden und unterstützenden Ansätze ist die Anwendung von Squalan insbesondere für xerotische, sensitive und irritierte Hautzustände geeignet.
3 Schützende Pflegewirkstoffe
- Ectoin ist ein zellschützendes Molekül, das von spezifischen Bakterienarten gebildet wird. Diese Bakterien sind in der Lage, unter extremen Umweltbedingungen wie starker Trockenheit und hoher Salzlast zu überleben. Durch die endogene Herstellung von Ectoin schützen sich die Bakterien vor thermischem oder osmotischem Stress sowie vor der Dehydratation. Ectoin besitzt somit schützende Eigenschaften, die auch der Haut zugutekommen. Exogene Stressoren wie UV-Strahlung induzieren in epidermalen Zellen DNA-Schäden. Ectoin wirkt in der Haut zytoprotektiv, indem es die dermalen Zellen vor umweltbedingten Schädigungen und apoptotischen Prozessen schützt. Dies geschieht unter anderem durch die Ausbildung stabiler Hydrathüllen, die eine erhöhte Wasserbindungskapazität und eine verbesserte Zellresilienz gegenüber physikalischen und chemischen Stressoren gewährleisten. Darüber hinaus moduliert Ectoin die Expression verschiedener Gene, die an der zellulären Stressantwort beteiligt sind, und erhöht die Aktivität antioxidativer Enzyme. Dadurch werden entzündliche Prozesse gehemmt und irritierte Hautzustände gemildert.
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Frauke Habben
Die Autorin ist gelernte Kosmetikerin und hat ein Studium der Kosmetologie und Germanistik (B. Sc.) sowie Kosmetikwissenschaft (M. Ed.) absolviert. Seit Mai 2023 ist die Kosmetikwissenschaftlerin bei der Marke „Dermasence“ tätig. www.dermasence.de