Leitlinien: Chronischer Pruritus

01.06.2026
Foto: Evgeniia Primavera/Shutterstock.com

Medizinische Leitlinien sind systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und  praxisorientierte Entscheidungshilfen. Sie sollen Ärzten Empfehlungen geben, wie eine Erkrankung festgestellt und behandelt werden sollte. Auch Kosmetikerinnen und Kosmetik können eine Menge von ihnen für ihre Arbeit ableiten. In Teil 14 unserer Leitlinien-Serie stellt Ihnen die angehende Ärztin, ­Kosmetikerin und Beauty Managerin Sarah White die wichtigsten Fakten aus der Leitlinie ­Chronischer Pruritus vor. 

1. Definition (Beschreibung, Aussehen) 

Pruritus ist der medizinische Fachbegriff für Juckreiz und zeigt sich als eine unangenehme Empfindung auf der Haut oder Schleimhaut, die einen intensiven Drang zum Kratzen oder Reiben auslöst. Besteht ein Juckreiz länger als sechs Wochen, wird er als chronischer Pruritus (CP) klassifiziert. Es gibt zahlreiche potenzielle Auslöser für chronischen Pruritus, welche beispielsweise im Rahmen dermatologischer, internistischer, neurologischer sowie psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen auftreten können. Ebenso kann das Symptom medikamenteninduziert oder unklarer Genese sein. Für die klinische Einordnung empfiehlt die Leitlinie die IFSI-Klassifikation in drei Gruppen:

  • IFSI I (CPL): Chronischer Pruritus auf primär läsionaler (veränderter) Haut bei Hauterkrankung
  • IFSI II (CPNL): Chronischer Pruritus auf primär nicht läsionaler (unveränderter) Haut ohne initiale Hautveränderungen
  • IFSI III: Chronischer Pruritus mit schweren Kratzläsionen (zum Beispiel chronische Prurigo, Lichen simplex), wenn eine Zuordnung zu CPL/CPNL nicht möglich ist

2. Epidemiologie (Prävalenz, Geschlecht, Alter)

Chronischer Pruritus (CP) ist eine häufige, jedoch meist unterschätzte Beschwerde. In Deutschland zeigen bevölkerungsbezogene Erhebungen, dass die Prävalenz von chronischem Pruritus bei etwa 17 Prozent in der arbeitenden Bevölkerung und bei etwa 14 Prozent in der Allgemeinbevölkerung liegt.
Ein erheblicher Teil der Betroffenen ist über lange Zeiträume beeinträchtigt, ohne adäquate Versorgung. Rund 25 Prozent leiden seit mehr als fünf Jahren an chronischem Pruritus, gleichzeitig haben etwa 47 Prozent bislang keine ärztliche Beratung in Anspruch genommen und 94 Prozent erhielten keine spezifische Behandlung. Diese Zahlen verdeutlichen, dass chronischer Pruritus trotz seiner hohen Prävalenz häufig unterschätzt wird.
Chronischer Pruritus kann außerdem in jedem Lebensalter auftreten. Die Prävalenz scheint mit dem Alter zu steigen. In einer deutschen Studie lag die Häufigkeit bei 16–30-Jährigen bei etwa 12 Prozent, stieg aber bis auf rund 20 Prozent bei 61–70-Jährigen an. Dies deutet darauf hin, dass ältere Personen häufiger betroffen sind, was unter anderem durch altersassoziierte Hautveränderungen und Begleiterkrankungen erklärt werden kann.

3. Ätiologie (Disposition, Trigger)

CP ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom mit häufig vielfältigen Ursachen. Da-runter dermatologische, systemische, neurologische, psychische/psychosomatische Grunderkrankungen sowie multifaktorielle Ur-sachen und Pruritus unklarer Genese. Häufige dermatologische Erkrankungen, die mit Pruritus einhergehen, sind beispielsweise:  entzündliche Dermatosen wie atopische Dermatitis, Psoriasis, Prurigo nodularis, Lichen ruber planus sowie chronische Ekzeme. Auch Infektionen, parasitäre Erkrankungen oder bullöse Dermatosen können mit ausgeprägtem, anhaltendem Juckreiz einhergehen.
Unter den systemischen Ursachen sind insbesondere internistische Grunderkrankungen wie chroni-
sche Niereninsuffizienz (urämischer Pruritus), Lebererkrankungen, hä­ma­tologische Erkrankungen (zum Beispiel Eisenmangel, Polycythaemia vera, Lymphome), endokrine Störungen (zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes) sowie maligne Erkrankungen zu nennen.
Auch Medikamente können Pruritus auslösen oder aufrechterhalten. Hier sind insbesondere Opioide, kardiovaskuläre Medikamente (zum Beispiel ACE-Hemmer, Betablocker), psychotrope Substanzen, be-stimmte Antibiotika, Zytostatika, Hormone sowie Antiepileptika als mögliche Auslöser beschrieben.

4. Symptome und Verlaufsformen

Chronischer Pruritus führt häufig zu einem Teufelskreis aus Jucken und (bewusstem oder unbewusstem) Kratzen, wodurch sekundäre Kratzläsionen entstehen. Dazu zählen z. B. Hämatome, Exkoriationen, Erosionen, Ulzerationen, Krusten und Lichenifikationen (Vergröberung der Hautstruktur). 
Langfristige Folgen können zudem Narbenbildungen sowie postinflammatorische Hypo- oder Hyperpigmentierungen sein. Bei einigen Hauterkrankungen kann Kratzen außerdem das Köbner-Phänomen (isomorpher Reizeffekt) auslösen, bei dem entlang von Kratz- und Verletzungsbereichen neue krankheitstypische Hautveränderungen verursacht werden, die wiederum den Juck-Kratz-Zirkel aufrechterhalten können. Entsprechend hoch ist der Leidensdruck bei chronischem Pruritus. Dieser kann die Lebensqualität stark einschränken und Schlafstörungen, Leistungsabfall und schwere Depressionen zur Folge haben.

5. Differenzialdiagnose

Die Differenzialdiagnostik erfolgt stufenweise: Zunächst wird anhand des Hautbefunds eine klinische Gruppe (CPL, CPNL oder CP mit Kratzläsionen) zugeordnet. An-schließend werden die Ursachen nach den genannten Kategorien differenziert (dermatologisch, systemisch/medikamentös, neurologisch, psychisch/psychosomatisch, multifaktoriell, unklar). 
Entscheidend ist eine strukturierte Pruritusanamnese und klinische Untersuchung inklusive der Erfassung von psychosomatischen bzw. psychiatrischen Komorbiditäten. 

6. Ärztliche Therapie

Die Therapie folgt allgemeinen Prinzipien: Ist eine Ursache identifiziert, erfolgt eine kausale Behandlung plus symptomatischer Therapie. Als Basis dienen außerdem allgemeine Maßnahmen, da-runter eine regelmäßige rück-
fettende und hydratisierende Pflege, die Vermeidung austrocknender Faktoren, eine milde Reinigung mit lauwarmem Wasser und ein schonendes Abtupfen der Haut sowie weiche, luftige Kleidung. Zusätzlich können weitere Therapien ergänzt werden, teils Off-Label-Use:
Topisch: Lokalanästhetika, Glukokortikosteroide, Capsaicin, ­Cal­­­cineurininhibitoren wie Pimecrolimus und Tacrolimus, UV-Phototherapie
Systemisch: nicht sedierende H1-Antihistaminika, Biologika wie Dupilumab, Gabapentinoide, Antidepressiva und Opioidrezeptor-Modulatoren
Auch psychosomatische Faktoren sollten Berücksichtigung finden, beispielsweise durch Entspannungs- und Stressbewältigungstechniken. Eine reine Ermahnung, „nicht zu kratzen“, ist hingegen nicht zielführend.

7. Empfehlungen für die Kosmetikfachkraft

Kosmetikerinnen und Kosmetiker können im Rahmen ihrer Tätigkeit die leitlinienbasierten Allgemeinmaßnahmen unterstützen. Der Fokus sollte auf einer Stabilisierung der Hautbarriere und der Etablierung einer rückfettenden und  hydratisierenden Basispflege liegen. Zu vermeiden sind Maßnahmen, die Hauttrockenheit und -reizung fördern, darunter starkes Reiben, aggressive Tenside, mechanische Irritation oder reizende Substanzen. 
Bei erkennbaren Kratzläsionen oder ausgeprägter Belastung kann eine Kosmetikerfachkraft außerdem zur ärztlichen Abklärung motivieren.

Quellen:
https://register.awmf.org/assets/guidelines/013-048l_S2k_Diagnostik-Therapie-des-chronischen-Pruritus_2025-04_01.pdf
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20924157/

Foto: Sarah White

Sarah White
Die Autorin ist angehende Ärztin, Kosmetikerin, Beauty Managerin (IHK), Autorin für Fachzeitschriften und Speakerin auf internationalen Kongressen sowie Gründerin der Marke „Iluqua“. www.iluqua.com 

Mehr zu den Themen:

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr aus der Rubrik Gesicht & Körper