Nagelpilz ist oft mehr als ein kosmetisches Ärgernis: Er stellt eine medizinisch relevante Belastung dar. Der Erreger sitzt unter oder in der Nagelplatte, wodurch topische Antimykotika nur begrenzt eindringen. Systemische Therapien können zwar wirksam sein, eignen sich jedoch nicht für alle Patientinnen und Patienten. Daher braucht es alternative oder ergänzende Behandlungsansätze. Kaltes atmosphärisches Plasma könnte eine vielversprechende Option darstellen.
Nagelpilz (Onychomykose) gehört zu den häufigsten chronischen Infektionen an Füßen und Nägeln. Je nach epidemiologischer Untersuchung liegt die Prävalenz in Industrienationen bei mehreren Prozent bis in den zweistelligen Bereich.
Für Betroffene ist die Erkrankung oft nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern auch eine medizinisch relevante Belastung: Die Infektion kann über Jahre persistieren, Rückfälle sind häufig und die Therapie gestaltet sich oft langwierig.
Ein wesentlicher Grund liegt in der besonderen Anatomie des Nagels – der Erreger sitzt geschützt unter oder in der Nagelplatte, wodurch topische Antimykotika nur begrenzt penetrieren. Systemische Therapien können wirksam sein, sind jedoch nicht für alle Patientengruppen geeignet.
Vor diesem Hintergrund rückt kaltes atmosphärisches Plasma (Cold Atmospheric Plasma, CAP) als ergänzende Behandlungsoption zunehmend in den Fokus. CAP ist ein nichtthermisches, ionisiertes Gas, das bei hautfreundlichen Temperaturen um 35 bis 40 Grad Celsius erzeugt wird. Es enthält ein Gemisch aus reaktiven Sauerstoff- und Stickstoffspezies (ROS/RNS) sowie geladenen Teilchen. Diese Kombination ermöglicht eine antimikrobielle Wirkung, die zugleich gewebeschonend bleibt.
In der Dermatologie und Wundmedizin wird Kaltplasma seit Jahren untersucht und eingesetzt – insbesondere zur Keimreduktion bei chronischen Wunden oder infizierten Hautarealen. Diese Evidenz bildet auch die Grundlage für die Übertragung in podologische und medizinisch orientierte Fuß- und Hautpflege-Settings.
In der Dermatologie und Wundmedizin wird Kaltplasma seit Jahren untersucht und eingesetzt.
Kaltplasma-Erzeugung durch Sauerstoff und Energie - die Plasmatemperatur liegt bei ca. 38 °C
Plasma-Cocktail mit hochreaktiven Stickstoff- (RNS) und Sauerstoffmolekülen (ROS)
Antimikrobielle Plasma-Anwendung mit hochreaktiven Molekülen
Die antimykotische Wirkung von CAP wird vor allem durch ROS/RNS – sogenannte radikale Sauerstoff- und Stickstoffspezies im Plasma - vermittelt.
Das Wirkprinzip von CAP
CAP wirkt antimikrobiell gegen Pilze und protektiv für gesundes Gewebe. Die antimykotische Wirkung von CAP wird vor allem durch ROS/RNS – sogenannte radikale Sauerstoff- und Stickstoffspezies im Plasma – vermittelt. Diese hochreaktiven Bestandteile greifen Mikroorganismen an mehreren Stellen gleichzeitig an: Zellmembranen, Proteine und genetisches Material werden oxidativ geschädigt, wodurch Pilze, Sporen und Biofilmstrukturen inaktiviert werden können. Gerade dieses Multi-Target-Prinzip unterscheidet CAP von vielen konventionellen Therapien, die meist nur einzelne Angriffspunkte adressieren. Gleichzeitig ist Kaltplasma so konzipiert, dass gesundes Gewebe geschont wird. Wie dies erreicht wird, hängt jedoch wesentlich von der jeweiligen Technologie ab.
Einige Systeme arbeiten mit einer engen Fokussierung auf infizierte Areale, um die antimikrobielle Wirkung lokal zu begrenzen. Andere Verfahren, die auch größere Behandlungsflächen ermöglichen, setzen hingegen auf ein gezielt abgestimmtes Plasma-Spektrum, das neben radikalen Spezies zusätzlich elektrophysiologisch wirksame Schutzelemente integriert und für die Haut verfügbar macht.
Vor allem die geladenen Teilchen im Plasmastrom sind hier von Bedeutung. Dazu gehören freie Elektronen und Ionen. Diese Teilchen erreichen die Hautoberfläche sehr viel schneller als die massereichen, trägeren reaktiven Spezies und können auf der Haut zunächst ein schützendes „Elektronenreservoir“ aufbauen. Dieses wirkt als regulierender Puffer gegen überschießende Radikalwirkung, stabilisiert das Redoxmilieu im gesunden Gewebe und trägt dazu bei, dass der oxidative Reiz kontrolliert bleibt.
Erstbefund: Nagelpilz am linken Großzeh. Nach drei Monaten vierwöchiger Behandlung und ... fortdauernder Wachstums- und Erhaltungsphase löst sich die befallene Nagelplatte ab. Der neue gesunde Nagel wächst pilzfrei nach – Befund nach drei Monaten. Gesunder nachgewachsener Nagel nach acht Monaten CAP-Behandlung.
Sicherheit und Handhabung
Technik und Anwendung sind entscheidend. Ein zentrales Merkmal der Kaltplasmatherapie ist daher ihre gute Verträglichkeit: Die Behandlung erfolgt bei Körpertemperatur, ist schmerzfrei und verursacht keine systemischen Nebenwirkungen.
Dennoch gilt: Die Sicherheit hängt maßgeblich von der eingesetzten Technik, den technischen Spezifikationen der jeweiligen Geräte sowie deren korrekter Handhabung ab. Für die Praxis sind unterschiedliche Medizinprodukte mit hohem Sicherheitsstandard erhältlich, deren Anwendung sich stets nach den Herstellervorgaben richten muss.
Wie Sicherheitsvorteile durch technisches Design und korrekte Anwendung möglich sind, lässt sich beispielhaft an kontaktlosen, geerdeten Verfahren aufzeigen. Hier trägt die behandelte Person ein Erdungsband, wodurch zwischen Gerätekopf und Behandlungsareal ein gerichteter Plasmastrom stabil aufgebaut werden kann. Die Erdung koppelt den Körper dabei an ein definiertes Bezugspotenzial und ermöglicht eine gezielte Emission zur Haut.
Ein weiterer sicherheitsrelevanter Faktor im kontaktlosen Verfahren ist das Abstand-Zeit-Prinzip: Bei kleinerem Abstand ist die Plasmadichte höher und die antimikrobielle Wirkung stärker ausgeprägt, während bei größerem Abstand mildere, eher regenerative und antioxidative Effekte im Vordergrund stehen.
Dadurch lässt sich die Behandlung individuell an Befund, Arealgröße und Patientensituation anpassen.
Bei Risikopatienten – etwa bei diabetischem Fußsyndrom, Immunsuppression oder ausgeprägten Begleiterkrankungen – sind generell und unabhängig von der eingesetzten Technik eine ärztliche Einbindung und interprofessionelle Abstimmung besonders wichtig.
Kaltplasma ist nicht auf Nagelpilz beschränkt.
Behandlungsschema bei Nagelpilz
Dies ist ein Beispielprotokoll; die Behandlung erfolgt kontaktlos. Parameter können je nach Gerät und Indikationsstellung variieren.
- Therapeutisches Setting bei Onychomykose: 10 Minuten pro Anwendung, 5–10 cm Abstand (antimikrobieller Modus)
- Akutphase: Woche 1–2: 2 Anwendungen pro Woche à 10 Minuten; Woche 3–4: 1 Anwendung pro Woche à 10 Minuten
- Erhaltungsphase: ab Woche 5: 1 Anwendung pro Monat à 10 Minuten (weiterhin 5–10 cm Abstand) bis zum vollständigen Herauswachsen des neuen gesunden Nagels
Praxisablauf
Der Ablauf ist eine Kombination aus Vorbereitung, Anwendung und Nachsorge. In der podologischen Praxis wird CAP bei Onychomykose meist in einen strukturierten Ablauf integriert.
Zunächst erfolgen die Inspektion und Reinigung, häufig ergänzt durch mechanische Vorbereitung wie Abtragen oder Feilen befallener Nagelanteile.
Dadurch wird das Zielareal besser zugänglich. Anschließend erfolgt die Applikation – bei kontaktlosen Verfahren mit definiertem Abstand und Dauer. Zum Abschluss steht die Rezidivprophylaxe im Vordergrund, denn der langfristige Erfolg hängt wesentlich davon ab, Reinfektionen durch konsequente Pflege zu vermeiden.
Als Pflegetipp für zu Hause kann ein entsprechendes Nagelpräparat empfohlen werden.
Je nach Kaltplasma-Technik (ob mit oder ohne Hautkontakt) sind darüber hinaus geeignete Hygienemaßnahmen zu beachten, um eine Keimweiterverbreitung oder Rezidive bei einem Patienten auszuschließen.
Der Ablauf ist eine Kombination aus Vorbereitung, Anwendung und Nachsorge.
Auf einen Blick
- Nagelpilz ist mehr als Kosmetik: Er ist eine medizinisch relevante Belastung, da der Erreger unter oder in der Nagelplatte sitzt und topische Therapien oft schlecht penetrieren; daher sind alternative oder ergänzende Behandlungen nötig.
- Kaltes atmosphärisches Plasma (CAP) bietet eine ergänzende Behandlungsoption aufgrund seiner antimikrobiellen Wirkung bei hautfreundlicher Temperatur.
- CAP erzeugt ROS/RNS, greift Mikroorganismen multi-target an (Zellmembranen, Proteine, DNA) und schont gleichzeitig gesundes Gewebe; die Wirksamkeit hängt von der spezifischen CAP-Technologie ab.
- CAP-Behandlungen sind schmerzfrei und systemisch nebenwirkungsfrei, Risiken hängen jedoch von Technik, Gerät und Handhabung ab; sichere Anwendung erfordert fachgerechte Indikationsstellung und Beachtung der Hygienemaßnahmen.
- Ein typisches Protokoll umfasst kontaktlose Anwendung mit definierter Distanz und Dauer, regelmäßige Anwendungen in Akut- und Erhaltungsphasen, Konsequenz ist Rezidivprophylaxe und Integration in podologische/dermatologische Abläufe.
Weitere Indikationen: Podologie, Dermatologie und Kosmetik
Kaltplasma ist nicht auf Nagelpilz beschränkt. In Übersichten werden unter Qualifikationsvorbehalt neben Mykosen auch Warzen, Entzündungen, zum Beispiel bei eingewachsenen Nägeln, Wunden, sowie dermatologische Indikationen wie Akne, atopische Dermatitis oder Psoriasis diskutiert.
Auch kosmetische Anwendungen zielen auf Regeneration, Mikrozirkulation, Hautvitalisierung sowie Anti-Aging-Behandlungen ab. Da eine Kaltplasma-Anwendung die Permeabilität der Hautbarriere beeinflusst, eignet sich das Verfahren initial zur Vorbereitung von Wirkstoffbehandlungen, Kuren und Masken. Entscheidend bleibt, dabei stets eine fachgerechte Indikationsstellung und die korrekte Parametrierung des eingesetzten CAP-Systems.
Fazit
Kaltplasma erweitert das Therapiespektrum bei Nagelpilz um einen physikalischen Ansatz, der antimikrobielle Wirkung mit einem Sicherheits- und Dosierkonzept verbindet.
Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass oxidativer Stress durch reaktive Plasmaelemente, der unter antimykotischen Gesichtspunkten gewünscht ist, unter hautschützenden Gesichtspunkten konstruktiv reguliert werden muss.
Das technische Setup der eingesetzten Kaltplasma-Geräte ist dabei von entscheidender Bedeutung („Safety-by-Design“), ebenso die korrekte Anwendung. Unter dieser Voraussetzung kann CAP in Kombination mit fachgerechter Nagelvorbereitung, strukturiertem Behandlungsschema und konsequenter Pflege ein wertvoller ergänzender Baustein in der podologischen und medizinisch orientierten Fußpflege sein.
Studien (Auswahl):
- Gnat, S., Łagowski, D., Dyląg, M. et al. Cold atmospheric pressure plasma (CAPP) as a new alternative treatment method for onychomycosis caused by Trichophyton verrucosum: in vitro studies. Infection 49, 1233–1240 (2021). https://doi.org/10.1007/s15010-021-01691-w
- S. R. Lipner, G. Friedman, R. K. Scher, Pilot study to evaluate a plasma device for the treatment of onychomycosis, Clinical and Experimental Dermatology, Volume 42, Issue 3, 1 April 2017, Pages 295–298, https://doi.org/10.1111/ced.12973
- Xiong, Z., Roe, J., Grammer, T., & Graves, D. (2016). Plasma Treatment of Onychomycosis. Plasma Processes and Polymers, 13(6), 588-597. http://dx.doi.org/10.1002/ppap.201600010 Retrieved from https://escholarship.org/uc/item/0s74g0mq
Joana Raby
Die Autorin ist Podologin und podologische Leiterin der Gehwol Academy. www.gehwol.de