Leitlinien: Keratosis pilaris

26.10.2026
Aufmacher-Keratosis-pilaris

Medizinische Leitlinien sind systematisch entwickelte, wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Entscheidungshilfen.

Serie Leitlinien · Teil 16

Sie sollen Ärzten Empfehlungen geben, wie eine Erkrankung festgestellt und behandelt werden sollte. Auch Kosmetikerinnen und Kosmetiker können eine Menge von ihnen für ihre Arbeit ableiten. In Teil 16 unserer Serie stellt Ihnen die angehende Ärztin, Kosmetikerin und Beauty Managerin Sarah White die wichtigsten Fakten zu Keratosis pilaris vor, die nicht in einer eigenen S3-Leitlinie, sondern in Leitlinien anderer Hauterkrankungen als diagnostisches Nebenkriterium beschrieben wird.

1. Definition

Unter der Keratosis pilaris, im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Reibeisenhaut bezeichnet, wird eine weitverbreitete, harmlose Verhornungsstörung der Haarfollikel verstanden. Isolierte Formen werden streng genommen nicht als Erkrankung, sondern als physiologische Normalvariante angesehen. Aus diesem Grund ist die Keratosis pilaris nicht in einer eigenen S3-Leitlinie beschrieben, sondern findet sich beispielsweise als diagnostisches Nebenkriterium anderer Hauterkrankungen wie der atopischen Dermatitis.

Ziel von Behandlungsmaßnahmen ist primär eine optische und haptische Verbesserung des Hautbildes sowie die Stärkung der epithelialen Barrierefunktion durch keratolytische und rückfettende Pflege.

2. Epidemiologie (Prävalenz, Geschlecht, Alter)

Die Keratosis pilaris zählt weltweit zu den häufigsten dermatologischen Befunden. Ein gehäuftes Auftreten findet sich insbesondere bei Betroffenen mit Ichthyosis vulgaris (hier sind bis zu 80 Prozent betroffen) sowie bei atopischer Diathese, oft kombiniert mit trockener Haut (Xerosis cutis). Während die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung auf etwa 40 bis 50 Prozent geschätzt wird, tritt sie im Jugendalter mit Spitzenwerten von bis zu 80 Prozent besonders häufig auf.

Die Ausprägung scheint stark altersabhängig zu sein: Das Erscheinungsbild gipfelt meist im Kindes- und Jugendalter. Mit zunehmendem Alter zeigt sich in der Regel eine deutliche Besserung des Erscheinungsbilds. Ursache hierfür ist vermutlich eine mit den Jahren schleichend einsetzende Follikelatrophie, die den Verlauf abmildert.

3. Ätiologie (Disposition, Trigger)

Obwohl es sich um ein sehr häufiges Phänomen handelt, sind die exakten Entstehungsmechanismen nicht abschließend geklärt. Man geht von einer Hyperkeratose des Infundibulums (dem oberen Abschnitt des Haarfollikels) aus, welche genetisch determiniert ist. Zu den wichtigsten Einflussfaktoren zählen:

  • Genetische Disposition: Die Vererbung erfolgt autosomal-dominant. Neueste Erkenntnisse bringen die Verhornungsstörung mit Mutationen im Filaggrin-Gen in Verbindung, was den Verlust der normalen epithelialen Barrierefunktion und die Assoziation zur Neurodermitis erklärt.
  • Klimatische Faktoren: Vor allem im Winter, bedingt durch niedrige Luftfeuchtigkeit und Kälte, kommt es regelmäßig zu einer Zunahme der Verhornungsstörung.
  • Erworbene Formen (medikamentös): Selten tritt eine Keratosis pilaris als Nebenwirkung bestimmter Medikamente auf, insbesondere bei zielgerichteten Krebstherapien mit Tyrosinkinase-Inhibitoren (z. B. Vemurafenib oder Imatinib).
  • Pflege- und Lebensstilfaktoren: Häufiges, langes und sehr heißes Baden sowie der exzessive Einsatz von Seifen trocknen die Haut zusätzlich aus und können einen Triggerfaktor darstellen.

4. Symptome und Verlaufsformen

Typisch sind stecknadelkopfgroße, hyperkeratotische, follikelgebundene Papeln, die sich beim Darüberstreichen wie ein „Reibeisen“ anfühlen. Beim Aufkratzen der Läsion kann ein aufgerolltes Härchen (Vellushaar) hervortreten. Klinisch präsentiert sich die Keratosis pilaris häufig symptomlos, teils besteht ein charakteristisches Trockenheitsgefühl und/oder ein dezenter Juckreiz. Die Follikelumgebung kann hautfarben erscheinen oder durch Erytheme (Keratosis pilaris rubra) gekennzeichnet sein. Häufige Lokalisationen sind die Streckseiten der Oberarme und Oberschenkel, das Gesäß und bei Kindern außerdem teils auch die Wangenpartien.

Während isolierte Befunde rein kosmetischer Natur sind, kann es bei schwereren syndromalen Verläufen (atrophisierende Keratosis pilaris) im Gesichtsbereich zum schleichenden Verlust von Augenbrauen kommen (Ulerythema ophryogenes).

5. Differenzialdiagnose

Optisch können viele Hautveränderungen der Reibeisenhaut ähneln. Essenziell ist die Abgrenzung von entzündlichen oder infektiösen follikulären Erkrankungen: Hierzu zählen klassische Follikulitiden (meist bakteriell bedingte, eitrige Entzündungen der Haarwurzel), die Mucinosis follicularis (akut aufschießende, stark juckende Papeln) oder der Lichen ruber follicularis (mit entzündlicher Zerstörung von Haarfollikeln und Haarausfall).

Eitrige Pusteln, akute Rötungen oder nässende Areale sprechen gegen eine einfache Keratosis pilaris und bedürfen stets einer ärztlichen Evaluation.

6. Ärztliche Empfehlungen

Aus ärztlicher Perspektive empfehlen sich rein symptomatische, lokal lindernde Maßnahmen, da eine ursächliche Heilung nicht existiert. Systemische Behandlungen sind in der Regel nicht angezeigt.

  • Rückfettung: Im Fokus gegen die Hauttrockenheit stehen fettende Lotionen oder Cremes.
  • Keratolytische Basispflege: Bewährt haben sich Zusätze von Harnstoff (Urea) in Konzentrationen von 5 bis 20 Prozent, Salicylsäure (2 bis 3 Prozent) oder Fruchtsäuren (AHA).
  • Reizvermeidung: Der häufige Einsatz austrocknender, waschaktiver Substanzen oder starker Seifen bei der täglichen Reinigung sollte zugunsten von milden Produkten wie Duschölen minimiert werden.
  • Topische Retinoide: Lokal verwendete Vitamin-A-Derivate wie Tretinoin oder Adapalen regen die Zellerneuerung an und tragen zu einer Normalisierung der Verhornung bei.
  • Apparative Verfahren: Bei starken Erythemen lassen sich vereinzelt gute Behandlungserfolge mittels Laser erzielen.

7. Empfehlungen für die Kosmetikerin

In der kosmetischen Praxis begegnet man der Keratosis pilaris sehr häufig. Eine gute Aufklärung der Betroffenen über den harmlosen Charakter dieser „Normalvariante“ ist oft bereits sehr entlastend. Kosmetikerinnen und Kosmetiker sollten von aggressiven mechanischen Peelings (wie groben Schleifkörpern oder rauen Bürsten) abraten, da diese die follikuläre Entzündung (Rötung) triggern können und eine mechanische Hyperkeratose auslösen können.

Stattdessen liegt der kosmetische Schwerpunkt auf der Feuchtigkeitsbindung und der Stärkung der Barriereschicht durch rückfettende Kosmetika. Sanfte chemische Peelings, zum Beispiel mit Milchsäure (AHA), können gezielt eingesetzt werden, um die Hornpfropfen sanft zu lösen, ohne die Epidermis zu reizen. Bei Anzeichen für sekundäre Infektionen (Eiter) oder andere Pathologien ist an einen Arzt zu verweisen.

Quellen

Sarah White
Die Autorin

Sarah White

Die Autorin ist angehende Ärztin, Kosmetikerin, Beauty Managerin (IHK), Autorin für Fachzeitschriften und Speakerin auf internationalen Kongressen sowie Gründerin der Marke „Iluqua“. www.iluqua.com

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