Anti-Aging ist in der Ästhetik lange als Ereignis verstanden worden: ein Peeling, ein Laser-Treatment, eine Filler-Injektion. Und dann? „Wir sehen uns in sechs bis zwölf Monaten“. Die Geroscience- Perspektive dreht diese Chronologie um, ganz im Sinne der Kosmetik. Sie fragt nicht zuerst: „Wie schnell glättet sich eine Falte?“, sondern: „Wie lange bleibt das Gewebe in einem belastbaren, regenerationsfähigen Zustand?“ Genau hier beginnt die moderne und zugleich lang getragene Rolle von Kosmetika: nicht als Beiwerk, sondern als kontinuierliche Modulation biologischer Alterungsmechanismen! Eine Rolle, welche die Kosmetik mit Stolz ausfüllen darf und muss.
Die klassische Creme-Kosmetik wird heutzutage häufig durch minimalinvasive Verfahren oder kosmetische Treatments ergänzt. Minimal- bis moderate invasive Verfahren (chemische Peelings, Microneedling, Hyaluronsäure[HA]-Injektionen, fraktionierte Laser etc.) verbessern Textur, Ton und Falten. Dies tun sie unter anderem durch die Aktivierung eines Reparatur- und Remodelling-Prozesses. Diesen Prozess gilt es zu unterstützen und zu schützen. Reparaturmechanismen in der Haut passieren unter verschiedenen Bedingungen, hierbei lässt sich einordnen: Je besser die Zellumgebung und je reduzierter die exposomalen Einflüsse, desto idealer verläuft der Prozess. Die Phase der Regeneration lässt sich also in eine bestimmte Richtung lenken, durch eine hochwertige Matrix, geringe Entzündungsfaktoren und eine stabile Barriereaktivität.
Ein klinischer Studienansatz (controlled split-face design) liefert hierfür bemerkenswert klare Daten: Nach Peeling/HA-Injektion/CO2-Laser führte eine Creme mit 0,1 Prozent Retinaldehyd, 2 Prozent Niacinamid und 0,1 Prozent Haritaki-Extrakt bereits nach einem Monat zu signifikant stärkerer Reduktion von Krähenfüßen, mehr Festigkeit/„Plumpness“ und besserer Ausstrahlung als die Kontrollseite.
Prozeduren für Remodelling
Die Kosmetik dient als Verlängerung und Verbesserung der Prozedur: ein klinisch plausibles Konzept. Der interessante Subtext in Studien wie der genannten ist weniger „diese eine Creme“, sondern das Prinzip: Prozeduren erzeugen ein biologisches Fenster (Remodelling), und Topicals, also Kosmetika, können dieses Fenster nutzen! Alles unter der Vo-raussetzung, dass Barriere und Irritationspotenzial respektiert werden. Dies gilt es besonders zu erwähnen, in Zeiten, in denen Konzentrationen in die Höhe gehen und Anwendungsqualität nach Intensität bewertet wird.
Healthspan und Skinspan
Der Begriff der Longevity übernimmt den Hautpflegemarkt. Dabei werden Begriffe wie die „Healthspan“ und die „Skinspan“ entscheidend geprägt. Die Prinzipien widersetzen sich dem klassischen Anti-Aging-Konzept und wenden sich ab von der Dämonisierung des Alterns und hin zur Gesunderhaltung von Körper und Haut.
Die Skinspan beschreibt die Zeit, in der die Haut als „gesund“ und „jugendlich“ wahrgenommen wird. Diese Zeitspanne soll nach Möglichkeit ausgedehnt werden und in diesem Zuge jede Zelle, jedes Gewebesystem vital gehalten werden.
Die Skinspan-Roadmap beschreibt Hautalterung entlang molekularer Mechanismen, entlang der bekannten Hallmarks of Aging (Kontributoren des Alterns auf Zellebene). Ein zentraler Mechanismus ist hierbei die zelluläre Seneszenz (Zellalterung)!
Seneszente Zellen werden auch „Zombie-Zellen“ genannt, da sie ähnlich wie Zombies aus Hollywood-Filmen nicht mehr funktional in ihrer Zellumgebung sind, aber auch nicht tot. Die Zelle gibt die regulären Zellfunktionen auf, es kommt zum Stress und es werden sowohl entzündungsfördernde Stoffe als auch Botenstoffe, welche andere Zellen in die Seneszenz bringen können, ausgeschüttet, ein Dominoeffekt. Der proinflammatorische Cocktail an Botenstoffen wird als SASP (seneszenz-assoziierte sekretorische Phänotyp) bezeichnet und wirkt gewebeschädigend und fördert das Inflammaging.
Abgrenzung zu pharmazeutischen Formulierungen
Die Kosmetik grenzt sich von pharmazeutischen Formulierungen ab. Das gilt sowohl in Konzentrationen als auch in Wirkspektren. Dieser Aspekt bezogen auf die Seneszenz von Zellen reguliert den Einsatz von Kosmetik. Seneszenz hat in der Biologie eine wichtige Aufgabe: Zellen, die nicht mehr funktional sind, werden vom Körper ausgeschaltet und im Idealfall durch das Immunsystem erkannt und aufgelöst.
Wird die Seneszenz unterbrochen, kann dies sowohl gesundheitsfördernde als auch gesundheitsgefährdende Folgen haben. Eine Senolytik, wie sie oft besprochen wird, ist daher in der Kosmetik nicht regulatorisch korrekt eingesetzt und muss durch senomorphe Aktivität abgefangen werden. So können Entzündungsprozesse reduziert und Zellumgebungen verbessert werden.
Die moderne Kosmetik schließt sich der Longevity-Bewegung an und arbeitet statt gegen Falten für Zellgesundheit. Die reine Zufuhr von Feuchtigkeit und aufpolsternden Stoffen wird nicht den Ansprüchen gerecht. Es benötigt Wirkstoffe, die:
- den Matrixaufbau fördern,
- oxidativen/entzündlichen Stress senken
- und SASP-Signale dämpfen.
Vier neu gedachte Klassiker sind: Retinoide, Niacinamid, Hyaluronsäure, Antioxidantien.
1. Retinoide
Retinoide sind nicht „der alte Hut“, sondern bedienen das Konzept der Longevity. Sie aktivieren nukleäre Rezeptoren und verändern Genexpression in Richtung Epidermiserneuerung und Kollagenhomöostase. Dies führt zur Regeneration und Remodellierung von Haut. Das Skinspan-Prinzip empfiehlt Retinoide explizit als First-line-Strategie, also als ersten Schritt im Bereich Skin-Longevity. Auch in der oben genannten Studie zur postprozeduralen Pflege waren Retinaldehyd und Niacinamid bewusst als „ingredients of proven efficacy“ (Inhaltsstoffe mit nachgewiesener Wirksamkeit) gewählt.
Der Kampf um hohe Konzentrationen und höchste Stoffreinheit hat den Markt bezüglich Retinoiden stark beeinflusst. Es gilt zu beachten, dass Wirkung und Nebenwirkung in Balance stehen müssen. Hingegen der allgemeinen Annahme ist daher die reinste Form oft nicht die empfehlenswerteste.
Interessant ist Retinaldehyd (Retinal), weil es zwischen Retinol und Retinsäure liegt: potente Wirksamkeit bei oft besserer Verträglichkeit – ein Vorteil, wenn man nach Eingriffen nicht „maximale Irritation“ provozieren möchte.
2. Niacinamid
Niacinamid ist der unterschätzte „Longevity-Klassiker“. Der Wirkstoff kann zusammen mit Hyaluronsäure als „putative senomorphic“ (mutmaßlich senomorph) positioniert werden. Das bedeutet, die Substanzen könnten nach aktuellem Kenntnisstand das Ausschüttungsprofil von Zombie-Zellen positiv beeinflussen und so die Auswirkungen der seneszenten Zelle reduzieren.
Niacinamid ist biochemisch eng mit dem NAD-Stoffwechsel verknüpft; im Kontext von Skin Longevity wird genau diese Achse zunehmend diskutiert. Praktisch bedeutet das: Niacinamid ist nicht nur „Barriere-stärkung“, sondern ein Kandidat, um zellulären Stress in Richtung „geringeres inflammaging“ zu verschieben, besonders in Kombination mit Antioxidantien und Retinoiden.
3. Hyaluronsäure
Hyaluronsäure ist ebenfalls mehr als ein Feuchthaltepolymer. Es unterstützt nicht ausschließlich die Feuchtigkeitsbindung, sondern hat positiven Einfluss auf die Matrix, was die Zellumgebung, verbessert. Hyaluronsäure ist besonders im Konzept der mehrdimensionalen Behandlung interessant, da sie sowohl von außen aufgetragen als auch über transdermale Applikation oder subkutane Injektion in das Gewebe gebracht werden kann und so die Hautgesundheit mehrdimensional unterstützen kann. Sie kann so Hautdicke, Keratinozyten-Proliferation und andere Aspekte der Hautgesundheit positiv beeinflussen.
4. Antioxidantien
Antioxidantien (vor allem Vitamin C) bleiben der vierte Pfeiler. Im Skinspan-Konzept sind Antioxidantien als first line, also als erster Schritt der Hautgesundheit mit beschrieben. Ebenfalls wird die Multifunktionalität von beispielsweise Vitamin C betont (ROS Scavenging, Tyrosinase-Modulation, Kollagen-Cofaktor, epigenetische Aspekte) mit dem wichtigen Zusatz: Topisch ist es nur dann sinnvoll, wenn Stabilität/Carrier stimmen.
Während Retinol und Vitamin C in die Grad-A-Wirkstoff-Kategorie fallen und eine hohe Evidenz nach Studienlage haben, gibt es auch andere Wirkkonzepte, die Wachstumsfaktoren, Bakuchiol oder multimodale Regime umfassen. Die Möglichkeiten sind vielfältig.
5. Smart-Aging-Strategie
Wenn man Longevity im Bereich der Hautpflege etablieren möchte, ist Smart-Aging nicht die Suche nach dem nächsten Buzzword, sondern die konsequente Kombination aus:
- First-line-Basics (Photoprotektion, Retinoid, Antioxidantien),
- Matrix- und Barriere-Strategien (Niacinamid, HA-Systeme),
- senomorpher Entzündungs-/SASP Dämpfung (Rapamycin, Polyphenole) und
- regenerativen Signalansätzen (zum Beispiel exosomalen Konzepten), allerdings mit sauberer Evidenzeinordnung.
Es ergibt sich eine biologisch begründete, verfahrenskompatible Wirkstoff-Strategie, die Smart-Aging als Gewebe-Management beschreibt und Longevity nicht als Trend, sondern als klinisch nachvollziehbare Zielgröße. Das ist eine Entwicklung der Kosmetik, die sich rasant vollzieht und sowohl ihren Standpunkt in Bezug zu kosmetischen und minimalinvasiven Verfahren als auch ihren Wirk-anspruch beeinflusst. Eine positive Entwicklung der Branche, die in der Kommunikation gelernt und gestärkt werden muss. Es ist eine Aufgabe zur Professionalisierung der Kosmetik und des Handwerks, mit dem Potenzial, die Branche nachhaltig zu stärken.
Auf einen Blick
- Prozeduren erzeugen ein biologisches Fenster (Remodelling), das unter Wahrung von Hautbarriere und -irritationen durch Kosmetikprodukte genutzt werden kann.
- Diese vier klassischen Wirkstoffe Retinoide, Niacinamid, Hyaluronsäure und Antioxidantien zählen zu zentralen Bausteinen der Skin-Longevity, mit betonter Balance von Wirksamkeit und Verträglichkeit.
- Ein Smart-Aging-Konzept besteht aus der Kombination aus First-line-Basics, Matrix-/Barriere-Strategien, senomorpher Entzündungs-/SASP-Dämpfung und regenerativen Ansätzen mit evidenzbasierter Anwendung.
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Kristina Carmen Bernhöft
Die Autorin ist Kosmetikwissenschaftlerin und Kosmetikerin und hat sich auf die Professionalisierung des Kosmetik-Handwerks spezialisiert. Aus- und Weiterbildung als Grundstein für sicheres Handeln liegen ihr besonders am Herzen.