Brain-Skin-Axis

09.02.2026
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Die Haut ist ein hochdifferenziertes Sinnes- und Kommunikationssystem, das weit mehr leistet, als den Körper zu umhüllen. Sie fungiert als Sensor, Schutzschild und Spiegel innerer Zustände und reagiert unmittelbar auf psychische ebenso wie auf physiologische Reize. In den vergangenen Jahren hat die Forschung eindrucksvoll bestätigt, wie eng die Haut mit dem Nervensystem, dem Immunsystem und dem endokrinen System vernetzt ist. Damit wird deutlich, dass die Haut kein isoliertes Organ ist, sondern Teil eines fein abgestimmten neuroimmunologischen Netzwerks.

Besonders prägend sind die Arbeiten von Prof. Laurent Misery, der zeigte, dass die Haut über eine extrem dichte Innervation verfügt und bis in die obersten epidermalen Schichten von Nervenfasern durchzogen ist. Hautzellen und Immunzellen können selbst Neurotransmitter produzieren und besitzen spezifische Rezeptoren, über die sie neuronale Signale empfangen und beantworten. Dieses wechselseitige Zusammenspiel von Nerven, Haut- und Immunzellen bildet ein integriertes System, das Misery als neuro-immuno-kutanes System (NICS) beschreibt.1 Es verdeutlicht, wie psychische Prozesse, neuronal vermittelte Signale und kutane Funktionen untrennbar miteinander verbunden sind.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Brain-Skin-Axis als zentrales Kommunikationsprinzip verstehen, die den bidirektionalen Austausch zwischen Gehirn und Haut über neu-rochemische, hormonelle und immunologische Signalwege beschreibt. Stress, Emotionen und neuronale Aktivität können direkt in Hautprozesse übersetzt werden, und umgekehrt sendet die Haut über sensorische Nervenimpulse und inflammatorische Mediatoren Informationen zurück an das zentrale Nervensystem. Die Haut wird so zu einem sensiblen Schnittpunkt zwischen Psyche und Physiologie, dessen Gleichgewicht entscheidend für Gesundheit und Ausstrahlung ist.

Was Stress im Körper auslöst 

Wenn wir von Stress sprechen, meinen wir meist psychische Belastung. Biologisch betrachtet ist Stress jedoch eine koordinierte, hochentwickelte Antwort auf wahrgenommene Bedrohungen, die zahlreiche Syste-me gleichzeitig aktiviert. Zentral ist dabei die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse).2 
Wenn der Mensch unter Stress steht, wird im Gehirn eine Kaskade in Gang gesetzt, die den gesamten Körper beeinflusst. Der Hypothalamus, ein kleines, aber zentrales Steuerzentrum, schüttet dabei das sogenannte Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) aus. Dieses Hormon wirkt auf die Hypophyse, die daraufhin ein weiteres Signalhormon, das adrenocorticotrope Hormon (ACTH), freisetzt. ACTH gelangt über den Blutkreislauf zur Nebennierenrinde und regt dort die Produktion von Cortisol an, dem wichtigsten Stresshormon des Körpers. Cortisol sorgt dafür, dass der Organismus kurzfristig leistungsfähiger wird: Es stellt Energie bereit, verändert den Stoffwechsel und dämpft Entzündungsreaktionen, indem es das Immunsystem vorübergehend hemmt.3

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Wie Stress auf die Haut wirkt

Bemerkenswert ist, dass ein Teil dieser Stressreaktion auch direkt in der Haut stattfindet. Hautzellen wie Keratinozyten, Melanozyten und Fibroblasten besitzen die Fähigkeit, selbst Cortisol zu bilden und auf CRH zu reagieren.4 Die Haut verfügt somit über eine eigene lokale Stressachse. Sie funktioniert ähnlich wie die zen-trale Achse im Gehirn. Diese Stressachse arbeitet eigenständig, steht aber in enger Verbindung mit der zentralen Achse im Gehirn, was deutlich macht, wie unmittelbar Emotionen und psychische Belastungen in physiologische Hautprozesse übersetzt werden können.5

Unerwünschte Hautreaktion

Unter chronischem Stress wird dieses fein abgestimmte System gestört. Cortisol fördert Entzündungsprozesse, indem es das Gleichgewicht zwischen pro- und antiinflamma­torischen Zytokinen verschiebt. Gleichzeitig wird die Lipidsynthese in der Epidermis gehemmt, was die Barrierefunktion schwächt und den transepidermalen Wasserverlust erhöht.6, 7 Studien zeigen, dass bereits kurzfristiger psychischer Stress die Wundheilung verzögert und die Regeneration der Haut beeinträchtigt. Die sichtbaren Folgen sind  Trockenheit, Rötung, Sensibilität und ein Verlust an Vitalität und Ausstrahlung.

Das periphere Nervensystem

Eine zentrale Rolle spielt dabei das periphere Nervensystem. In der Haut enden Millionen sensorischer Nervenfasern, die nicht nur Reize weiterleiten, sondern selbst neuroaktive Substanzen freisetzen. Neuropeptide wie Substanz P, Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder Neuropeptid Y wirken als molekulare Übersetzer zwischen Nerven, Immunzellen und Hautzellen.8 Unter Stress werden sie vermehrt ausgeschüttet, aktivieren Mastzellen, erweitern Blutgefäße und induzieren Entzündungsreaktionen. 
Diese neurogenen Entzündungen stellen ein Schlüsselelement der Brain-Skin-Axis dar. Sie sind mitverantwortlich für das Auftreten oder die Verschlechterung zahlreicher Hauterkrankungen, von Akne über Rosacea bis hin zu atopischer Dermatitis und Psoriasis.9, 10
Darüber hinaus zeigt die aktuelle Datenlage klar, dass Stress einer der zentralen Treiber extrinsischer Hautalterung ist.11, 12 Er verändert den mitochondrialen Stoffwechsel, fördert die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies und beeinträchtigt Reparaturmechanismen der DNA. Darüber hinaus stört er die interzelluläre Kommunikation zwischen Keratinozyten und Fibroblasten, also Prozesse, die essenziell für die Synthese von Kollagen, Elastin und dermalen Matrixproteinen sind.
Langfristig manifestieren sich diese Veränderungen in einem Verlust an Elastizität, einer erhöhten Faltenbildung und einer insgesamt verlangsamten Regeneration.

Prävention und Therapie zur Hautgesundheit

Vor diesem Hintergrund wird die Wiederherstellung neuronaler und neuroendokriner Balance zu einem vielversprechenden Ansatz in der Prävention und Therapie stress-bedingter Hautveränderungen. Hautgesundheit lässt sich nicht länger ausschließlich über Barrierefunktion, Hydratation oder mikrobielle Zusammensetzung definieren. Vielmehr entsteht sie aus dem harmonischen Zusammenspiel kutaner, immunologischer und neuroendokriner Signalwege. Der sichtbare Zustand der Haut spiegelt somit, im wörtlichen Sinne, die innere Balance wider. Dass die Haut als „Spiegel der Seele“ gilt, ist daher weniger eine Metapher als eine neurobiologisch belegbare Aussage.

Mind-Body-Ansätze

Parallel dazu zeigen Studien, dass Mind-Body-Interventionen, einschließlich Meditation, Atemtechniken, Yoga, progressiver Muskel-
entspannung oder achtsamkeits­basierter Stressreduktion, direkte Effekte auf die Haut ausüben können. Sie senken systemische Stresshormone, fördern parasympathische Aktivität und unterstützen dadurch Barriereerholung, Wundheilung sowie antioxidative Kapazität. 
Dieser therapeutische Ansatz erweitert das Verständnis von Hautpflege um eine psychosomatische Komponente: Emotionale Regulation und Entspannung sind messbare Einflussfaktoren kutaner Homöostase.13, 14, 15

Physiologische und psychische Balance schaffen

In einer Zeit, in der Reizüberflutung, digitaler Stress und emotionale Überforderung nahezu allgegenwärtig sind, wird die Rekalibrierung dieser physiologischen und psychischen Balance zu einer Kernaufgabe moderner Kosmetikwissenschaft. Forschungs- und Entwicklungsabteilungen richten ihr Augenmerk zunehmend auf Formulierungen, die das Zusammenspiel zwischen Haut und Nervensystem unterstützen, etwa durch sensorische Texturen, multisensorische Pflegekonzepte und Wirkstoffsysteme, die neuronale Signalwege modulieren.16 
Der Trend bewegt sich hin zu einer ganzheitlichen Hautintelligenz, zu einer Pflege, die nicht nur schützt, sondern mit Körper, Geist und Umwelt interagiert.

Neurokosmetik gewinnt an wissenschaftlicher Relevanz

Im Kontext dieser Entwicklung gewinnt die Neurokosmetik an wissenschaftlicher Relevanz. Sie zielt darauf ab, die Signalwege zwischen Haut und Nervensystem zu beeinflussen. Bioaktive Peptide, pflanzliche Adaptogene, ätherische Öle oder neuroaktive Duftstoffe können über Mechanismen wirken, die auch aus dem zentralen Nervensystem bekannt sind.17 Manche dieser Wirkstoffe binden an kutane GABA-(Gamma-Aminobuttersäure), Serotonin- oder Dopaminrezeptoren und beeinflussen damit direkt stressrelevante Signalwege in der Epidermis.18 
Andere verbessern indirekt das Hautmilieu, indem sie oxidativen Stress reduzieren, Entzündungsreaktionen modulieren oder die Lipidbarriere stabilisieren. Ziel solcher Formulierungen ist nicht nur die sichtbare Verbesserung des Hautbilds, sondern auch die Unterstützung des gesamten Hautwohlbefindens, was ein zentraler Bestandteil moderner, wissenschaftlich fundierter Neurokosmetik ist.
Letztlich zeigt sich: Der Zustand unserer Haut ist Ausdruck eines dynamischen Gleichgewichts zwischen innen und außen, zwischen neuronaler Erregung und emotionaler Ruhe, zwischen Stress und Regeneration. Eine gesunde, strahlende Haut ist damit weniger das Ergebnis kosmetischer Perfektion, sondern ein sichtbares Zeichen neurobiologischer Harmonie. In dieser Erkenntnis liegt der eigentliche Kern des Neuroglow und vielleicht auch die Zukunft der Hautforschung.

 

Gut zu wissen: Neuropeptide

Neuropeptide sind kleine Botenstoffe, die von Nervenendigungen freigesetzt werden. Sie vermitteln Signale zwischen Nerven-, Haut- und Immunzellen. Zu den wichtigsten gehören:

  • Substanz P: aktiviert Mastzellen und fördert Entzündungsreaktionen
  • CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide): beeinflusst die Durchblutung
  • Neuropeptid Y: reguliert Stressantworten und Immuntätigkeit

Diese Substanzen sind maßgeblich an sogenannten neurogenen Entzündungen beteiligt.

Foto: Meike Streker

Dr. phil. Meike Streker
Die Autorin ist Kosmetikwissenschaftlerin und Expertin für Hautgesundheit und Skingevity. Sie vermittelt wissenschaftlich fundierte Hautpflege verständlich und praxisnah. Als Speakerin und Beraterin begleitet sie Fachkräfte und Unternehmen. www.meikestreker.de

Literatur:

    1    Misery L. Les nerfs à fleur de peau. Int J Cosmet Sci. 2002 Apr; 24 (2):111–6. doi: 10.1046/j.1467-2494.2002.00134.x. PMID: 18498503.
    2    Kentenich H, Tschudin S. Psyche und Stress. Gynakol Endokrinol. 2020; 18:133–134. doi:10.1007/s10304-020-00331-0
    3    James KA, Stromin JI, Steenkamp N, Combrinck MI. Understanding the relationships between physiological and psychosocial stress, cortisol and cognition. Front Endocrinol (Lausanne). 2023 Mar 6; 14:1085950. doi: 10.3389/fendo.2023.1085950. PMID: 36950689; PMCID: PMC10025564.
    4    Pujos M, Chamayou-Robert C, Parat M, Bonnet M, Couret S, Robiolo A, Doucet O. Impact of Chronic Moderate Psychological Stress on Skin Aging: Exploratory Clinical Study and Cellular Functioning. J Cosmet Dermatol. 2025 Jan; 24 (1):e16634. doi: 10.1111/jocd.16634. Epub 2024 Nov 6. PMID: 39506493; PMCID: PMC11743297.
    5    Yin T, et al. The Progress of Emotional Skincare Research: Current Developments and Applications. Bio-Conferences. 2025; 25:03015. doi.org/10.1051/bioconf/202517403015
    6    Slominski A, Wortsman J, Tuckey RC, Paus R. Differential expression of HPA axis homolog in the skin. Mol Cell Endocrinol. 2007 Feb; 265–266:143–9. doi: 10.1016/j.mce.2006.12.012. Epub 2006 Dec 29. PMID: 17197073; PMCID: PMC1839836.
    7    Choe SJ, Kim D, Kim EJ, Ahn JS, Choi EJ, Son ED, Lee TR, Choi EH. Psychological Stress Deteriorates Skin Barrier Function by Activating 11□-Hydroxysteroid Dehydrogenase 1 and the HPA Axis. Sci Rep. 2018 Apr 20; 8(1): 6334. doi: 10.1038/s41598-018-24653-z. PMID: 29679067; PMCID: PMC5910426.
    8    Scholzen T, Armstrong CA, Bunnett NW, Luger TA, Olerud JE, Ansel JC. Neuropeptides in the skin: interactions between the neuroendocrine and the skin immune systems. Exp Dermatol. 1998 Apr-Jun;7(2–3):81–96. doi: 10.1111/j.1600-
0625.1998.tb00307.x. PMID: 9583747.
    9    Keenan EL, Granstein RD. Proinflammatory cytokines and neuropeptides in psoriasis, depression, and anxiety. Acta Physiol (Oxf). 2025 Mar; 241 (3): e70019. doi: 10.1111/apha.70019. PMID: 39960105.
    10    Zhang Y, Zhang H, Jiang B, Tong X, Yan S, Lu J. Current views on neuropeptides in atopic dermatitis. Exp Dermatol. 2021 Nov;30(11):1588-1597. doi: 10.1111/exd.
14382. Epub 2021 May 24. PMID: 33963624.
    11    Chen Y, Lyga J. Brain-skin connection: stress, inflammation and skin aging. Inflamm Allergy Drug Targets. 2014; 13 (3): 177–90. doi: 10.2174/1871528113666140522104422. PMID: 24853682; PMCID: PMC4082169.
    12    Pujos M, Chamayou-Robert C, Parat M, Bonnet M, Couret S, Robiolo A, Doucet O. Impact of Chronic Moderate Psychological Stress on Skin Aging: Exploratory Clinical Study and Cellular Functioning. J Cosmet Dermatol. 2025 Jan; 24 (1): e16634. doi: 10.1111/jocd.16634. Epub 2024 Nov 6. PMID: 39506493; PMCID: PMC11743297.
    13    Graubard R, Perez-Sanchez A, Katta R. Stress and Skin: An Overview of Mind Body Therapies as a Treatment Strategy in Dermatology. Dermatol Pract Concept. 2021 Sep 1; 11 (4): e2021091. doi: 10.5826/dpc.1104a91. PMID: 34631261; PMCID: PMC8480446.
    14    Yosipovitch G, Canchy L, Ferreira BR, Aguirre CC, Tempark T, Takaoka R, Steinhoff M, Misery L. Integrative Treatment Approaches with Mind-Body Therapies in the Management of Atopic Dermatitis. J Clin Med. 2024 Sep 11; 13 (18): 5368. doi: 10.3390/jcm13185368. PMID: 39336855; PMCID: PMC11432615.
    15    Rafidi B, Kondapi K, Beestrum M, Basra S, Lio P. Psychological Therapies and Mind-Body Techniques in the Management of Dermatologic Diseases: A Systematic Review. Am J Clin Dermatol. 2022 Nov;23(6):755–773. DOI: 10.1007/s40257-022-00714-y.
    16    Roso A, Aubert A, Cambos S, Vial F, Schäfer J, Belin M, Gabriel D, Bize C. Contribution of cosmetic ingredients and skin care textures to emotions. Int J Cosmet Sci. 2024 Apr;46(2):262–283. doi: 10.1111/ics.12928. Epub 2023 Nov 24. PMID: 37914390.
    17    Beyond beauty: Neurocosmetics, the skin-brain axis, and the future of emotionally intelligent skincare. Clin Dermatol. 2025 Jul-Aug; 43 (4): 523–527. doi: 10.1016/j.clindermatol.2025.05.002. Epub 2025 May 10. PMID: 40355034.
    18    Sánchez-Peña, M.J.; Magallón-Chávez, O.; Rivas-Loaiza, J.A. Neurocosmetics and Aromatherapy Through Neurocu-
taneous Receptors and Their Functio-
nal Implications in Cosmetics. Cosmetics 2025, 12, 179. doi.org/10.3390/cosmetics12050179

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