Krankheitsbild Depression bei ihr und bei ihm

13.05.2026
Foto: simona pilolla 2/Shutterstock.com

Bei Frauen wird zweimal häufiger das Krankheitsbild Depression diagnostiziert als bei ­Männern. Hierbei stellt sich die Frage, ob Frauen auch zweimal häufiger an Depression ­erkranken oder ob Männer, die an einer Depression leiden, nicht ausreichend diagnostiziert werden– also sich ein ­typisches Bild einer Unterdiagnostik zeigt.

Insbesondere, wenn man bedenkt, dass sich bei Männern eine Depression anders zeigen kann. Darüber hinaus können Frauen auch an einer Wochenbettdepression (postpartalen Depression) oder an depressiven Phasen vor der Periode (prämenstruelles Syndrom) leiden.
Die „typischen“ Symptome einer Depression – also Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Leere, Antriebslosigkeit und Interessensverlust – sind bei Frauen ausgeprägter, es gibt jedoch auch (wenige) Frauen, die „männliche Symptome“ zeigen.

Die männliche Depression

Die „männliche Depression“ kann gekennzeichnet sein von Suchtverhalten (hier können alle Arten von Suchtverhalten auftreten: Arbeit, Sport, Alkohol, Internet, Sex), Wutausbrüchen, zunehmender Aggressivität und Feindseligkeit, gepaart mit sozialem Rückzug und dem Abstreiten von psychischen Problemen sowie kategorischer Ablehnung von Hilfe. 
Das Umfeld leidet häufig mit und steht den Betroffenen hilflos gegenüber. Für Angehörige kann es entlastend sein, sich an den Hausarzt oder die Hausärtzin des Partners zu wenden und diese zu bitten, den Betroffenen auf seine psychische Situation anzusprechen. 
Die Forschung zeigt, dass die „traditionelle Maskulinität“ – zum Beispiel „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ – „Was mich nicht umbringt, macht mich stark“, „ein richtiger Mann weint nicht“, usw. – Männer, aber auch ärztliches Personal davon abhält, mit männlichen Patienten diesbezüglich das Gespräch zu suchen. 
Hinzukommt die soziale Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen, was zwar beide Geschlechter betrifft, jedoch unter Männern noch ausgeprägter ist. Alle Punkte zusammen erklären sehr gut, warum eine Depression bei Männern häufig nicht erkannt wird und deshalb auch keine Therapie eingeleitet werden kann.

Die Wochenbettdepression

Die Wochenbettdepression bei Frauen nach der Geburt ist gar nicht so selten (zehn bis 15 Prozent aller Frauen nach der Geburt), jedoch darf sie nicht mit dem „Baby-Blues“ gleichgesetzt oder verwechselt werden. 
Der Baby-Blues trifft ca. die Hälfte aller Frauen nach der Geburt. Der Hormonabfall nach der Geburt wird dafür verantwortlich gemacht, auch Schlafmangel und die ungewohnte Situation drücken auf die Stimmung und können zu Ängstlichkeit und vermehrtem Weinen führen. Dies legt sich jedoch nach ein paar Wochen und bedarf keiner speziellen Behandlung. Es ist jedoch für das Umfeld wichtig, diese Situation ernst zu nehmen im Hinblick darauf, Frauen nach der Geburt gut zu unterstützen, und für die Mütter ist es gut zu wissen, dass dieser Zustand normal ist und sie Hilfe zulassen und annehmen dürfen.
Wenn die gedrückte Stimmung und Versagens- und Schuldgefühle sowie die Leere gegenüber sich selbst und dem Kind nach zwei bis vier Wochen immer noch nicht vorbei sind, kann sich eine Wochenbettdepression dahinter verbergen. 
Es gibt Risikofaktoren, die eine Wochenbettdepression wahrscheinlicher machen, zum Beispiel psychische Vorerkrankungen, traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder während der Geburt, Stress oder Partnerschaftskonflikte. Aber auch ohne diese Risikofaktoren kann es zu einer Wochenbettdepression kommen bzw. nicht immer führen diese Faktoren zu einer Depression.
Frischgebackene Mütter haben tiefe Scham- und Schuldgefühle, wenn sie diese Symptome spüren und verschweigen deshalb die Probleme – auch dem Partner gegenüber. Sie haben ein überhöhtes Mutterbild verinnerlicht und auch unsere gesellschaftlichen Ansprüche an Mütter sind alles andere als hilfreich: „Mütter haben glücklich zu sein über ihr Kind, die Geburt ist vorbei und jetzt gibt es nichts mehr zu jammern, alle anderen Mütter haben es ja schließlich auch gut hinbekommen“. Diese Einstellung hindert, auch über „normale“ Probleme zu sprechen: Stillprobleme oder man möchte gar nicht stillen, Schlafprobleme und deren Folgen: permanente Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Das baut einen enormen Druck auf. Deshalb mein Appell an alle frischgebackenen Mütter: Sucht Euch Verbündete und vertraut Euch Menschen an, die Euch nahestehen, zuhören und holt Euch Unterstützung bzw. therapeutische Begleitung!

Das prämenstruelle Syndrom

Das Krankheitsbild des Prämenstruellen Syndroms (PMS) betrifft ca. die Hälfte aller menstruierenden Frauen, jedoch zehn Prozent der Frauen haben eine hohe Symptomlast, das heißt, sie können an diesen Tagen nicht in gewohnter Weise ihre alltäglichen Arbeiten verrichten und/oder brauchen therapeutische Hilfe.
Die Symptome eines PMS äußern sich sowohl psychisch als auch körperlich und treten ca. fünf  Tage vor dem Einsetzen der Periode auf. Diese Phase wird Lutealphase genannt und ist die Zeit nach dem Eisprung. Im Körper wird nach dem Eisprung vermehrt das Hormon Progesteron gebildet, um die Gebärmutter auf eine mögliche Schwangerschaft einzustellen. 
Eine genaue Forschung, warum ca. zehn Prozent der Frauen an schweren Symptomen leiden, steht jedoch noch aus. Die psychischen Symptome reichen von Traurigkeit, Angst, Reizbarkeit, Müdigkeit über Konzentrationsschwierigkeiten und Depression. Körperlich wird das PMS begleitet von Spannungsgefühlen in den Brüsten, Druckgefühl im gesamten Unterleib mit Blähungen, Wassereinlagerungen, Kopf-, Rücken- und Muskelschmerzen, Hautunreinheiten und Heißhunger. Linderung können Magnesium oder Kalzium, Wärme, Ruhe und Entspannungstechniken, aber auch Sport und Bewegung bringen.

Foto: Dr. Hildegard Seidl

Dr. Hildegard Seidl
Die Autorin ist ausgebildete ­Intensivpflegekraft, Volkswirtin, ­Gesundheitswissenschaftlerin und promovierte ­Humanbiologin. Sie arbeitet in der München Klinik und leitet verschiedene Projekte zur Sicherstellung einer ­geschlechtersensiblen Versorgung der ­Patientinnen und Patienten.

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