Sonnenschutz war lange auf Erythemprävention reduziert. Neuere Forschung zeigt: Die Haut ist einem weit komplexeren Spektrum an Stressoren ausgesetzt, und Schutzstrategien müssen mithalten.
Seit seiner Einführung Mitte des 20. Jahrhunderts gilt der Lichtschutzfaktor (LSF) als zentraler Maßstab für Sonnenschutzprodukte. Er basiert auf der minimalen Erythemdosis (MED), also jener UV-Dosis, die auf ungeschützter Haut gerade noch eine Rötung auslöst, und setzt diese ins Verhältnis zur Dosis mit aufgetragenem Sonnenschutzmittel. Der Wert misst damit primär den Schutz vor UV-B-induziertem Sonnenbrand.
Doch bereits bei UV-A zeigen sich Lücken. UV-A-Strahlung dringt tiefer in die Dermis ein, schädigt Bindegewebsstrukturen und fördert Photoaging, obwohl sie in der standardisierten SPF-Bestimmung nicht vollständig abgebildet wird.
Krutmann et al. (2020) weisen zudem auf einen systemischen Konstruktionsfehler hin: Wer hohen SPF-Werten vertraut, bleibt länger in der Sonne und erhöht damit die UV-A-Gesamtexposition. Ein ausgewogenes Schutzprofil, das UV-A und UV-B gleichermaßen adressiert, ist daher eine Grundvoraussetzung moderner Sonnenschutzkonzepte.
Hinzukommen Anwendungsprobleme in der Praxis: Studien zeigen, dass Verbraucher durchschnittlich nur 0,5 – 0,8 mg/cm² auftragen statt der empfohlenen 2 mg/cm², was den realen Schutz eines SPF-50-Produkts auf etwa die Hälfte des deklarierten Wertes reduziert. SPF allein ist damit kein verlässliches Maß für vollständigen UV-Schutz oder Schutz jenseits des UV-Spektrums.
Kunden erwarten Sonnenschutz, der nicht nur schützt, sondern sich nahtlos in ihre tägliche Hautpflegeroutine einfügt.
Sichtbares Licht: ein unterschätzter Faktor
Lange galt sichtbares Licht (VL: 400 – 700 nm) als hautphysiologisch irrelevant. Dieses Bild hat sich grundlegend gewandelt. Narla et al. (2020) zeigen, dass VL in dunkleren Hauttypen (Fitzpatrick III – VI) eine ausgeprägtere und länger anhaltende Pigmentierung induziert als UVA1 (340 – 400 nm) allein, und dass dieser Effekt durch eine Kombination aus VL und UVA1 synergistisch verstärkt wird.
- Besonders relevant ist der hochenergetische blaue und violette Wellenlängenbereich (HEV: 400 – 450 nm). Über opsin3-Rezeptoren in Melanozyten wird ein Signalweg aktiviert, der die Melanogenese direkt stimuliert. Lim et al. (2022) beschreiben zudem, dass VL über die Induktion freier Radikale, reaktiver Sauerstoff- und Stickstoffspezies, oxidativen Stress erzeugt, der zu Hyperpigmentierungen und Melasma-Entstehung beitragen kann. Geisler et al. (2021) betonen, dass klassische organische und anorganische UV-Filter keinen nennenswerten Schutz gegen VL bieten. Einzige Ausnahmen sind getönte Formulierungen mit Eisenoxidpigmenten (Iron Oxides), die den HEV-Bereich nachweislich abschwächen. Rigel et al. (2022) ergänzen, dass dunkelhäutige Personen zwar natürlich besser vor UV-B-Schäden geschützt sind, bei VL-induzierten Pigmentierungsstörungen jedoch besonders vulnerabel sind und damit spezifisch von einem erweiterten Lichtschutz profitieren.
- Infrarot, Pollution und das Exposom Infrarotstrahlung (IR-A: 760 – 1400 nm) machen einen erheblichen Anteil der auf die Haut treffenden Solarenergie aus. Wie bei UV-Strahlung entstehen reaktive Sauerstoffspezies (ROS), die Kollagen- und Elastinfasern schädigen und Matrix-Metalloproteinasen (MMPs) aktivieren, mit dem Ergebnis beschleunigter Hauterschlaffung und Faltenbildung. Antioxidative Formulierungsbestandteile können diese Effekte abschwächen.
- Luftverschmutzung ist ein weiterer, in der klassischen Sonnenschutzforschung lange vernachlässigter Stressor. Haykal et al. (2025) beschreiben, wie Feinstaub (PM2.5, Partikel ≤ 2,5 μm), Stickstoffdioxid, Ozon und flüchtige organische Verbindungen oxidativen Stress induzieren, epigenetische Veränderungen auslösen und die Hautbarriere destabilisieren. Je nach Partikelgröße dringen Schadstoffe unterschiedlich tief in die Haut ein oder verbleiben auf der Oberfläche, wo sie ebenfalls oxidative Schäden verursachen.
Alle diese Faktoren sind Teil des sogenannten Exposoms, der Gesamtheit aller Umwelteinflüsse, denen die Haut im Laufe des Lebens ausgesetzt ist. Zu betonen ist, dass UV-Strahlung, sichtbares Licht, Infrarot und Luftschadstoffe nicht isoliert wirken, sondern sich gegenseitig potenzieren: UV-aktivierte Schadstoffpartikel verstärken den oxidativen Schaden synergistisch.
Aus diesem Verständnis heraus entsteht das Konzept der Climate-Adaptive Skincare: Produkte, die nicht statisch schützen, sondern die Hautresilienz gegenüber wechselnden klimatischen und umweltbedingten Stressoren aktiv unterstützen sollen.
Neue Schutzstrategien: Wirkstoffe und Formulierungen
- Mineralische Filter und Eisenoxide: Ein verbreitetes Missverständnis betrifft den Wirkmechanismus anorganischer UV-Filter. Breakell et al. (2024) zeigen in ihrem Review, dass Zinkoxid (ZnO) und Titandioxid (TiO2) UV-Strahlung nicht primär reflektieren, sondern wie organische Filter auch absorbieren. Der lange verbreitete Unterschied zwischen „physikalischem“ und „chemischem“ Sonnenschutz lässt sich wissenschaftlich nicht aufrechterhalten und auch die Annahme einer grundsätzlich höheren Sicherheit mineralischer Filter ist nicht durch robuste klinische Evidenz gestützt. Beide Filtertypen gelten bei sachgemäßer Formulierung und Anwendung als sicher. Unabhängig von der Filterkategorie eröffnen Formulierungsinnovationen neue Schutzperspektiven. Besonders relevant für den Schutz vor sichtbarem Licht ist die Kombination von UV-Filtern mit Eisenoxidpigmenten: Getönte Formulierungen können je nach Farbtiefe 93 bis 98% des HEV-Lichts blockieren, was mit nicht getönten Produkten nicht erreichbar ist (Bernstein et al., 2020).
- Antioxidantien als zweite Schutzebene: Da kein Filtersystem sämtliche Stressoren vollständig neutralisieren kann, kommt antioxidativen Wirkstoffen eine komplementäre Schutzfunktion zu. Sie fangen ROS ab, bevor diese Zellstrukturen schädigen. Guan et al. (2021) nennen Vitamin C, Vitamin E und Niacinamid als besonders gut belegte topische Antioxidantien; Bernstein et al. (2020) ergänzen pflanzliche Extrakte wie Grüntee- und Traubenkern-Extrakt. Ein Problem ist jedoch ihre Photolabilität: Ohne UV-Schutz bauen viele Antioxidantien innerhalb von 90 Minuten unter Lichteinstrahlung ab und verlieren damit ihre Wirksamkeit. Innovativ beschichtete Mineralpartikel, wie die von Bernstein et al. (2020) beschriebenen, können hier als Stabilisatoren wirken und die antioxidative Kapazität der Formulierung synergistisch verstärken.
- Das Mikrobiom als neue Dimension: Eine bislang in Sonnenschutzprodukten kaum berücksichtigte Schutzebene ist das Hautmikrobiom. Studien zeigen, dass UV-Strahlung die mikrobielle Diversität der Haut verändert: Nach UV-B-Exposition nehmen bestimmte Bakteriengruppen zu, während andere abnehmen. Diese Dysbiose kann die Barrierefunktion beeinträchtigen und entzündliche Prozesse verstärken. Interessanterweise kann die Anwendung von Sonnenschutzmitteln selbst mikrobiomschützend wirken: In einer klinischen Studie verhinderte ein SPF-Produkt die UV-induzierte relative Verschiebung von Cutibacterium zu Lactobacillus (Gilaberte et al. 2025). Haykal et al. (2025) betonen zudem, dass Luftverschmutzung die Proliferation proinflammatorischer Keime wie Staphylococcus aureus begünstigt, während kommensale Arten wie Staphylococcus epidermidis abnehmen. Mikrobiomkompatible Formulierungen, etwa durch milde Konservierungssysteme, physiologischen pH-Wert und prä- oder postbiotische Zusätze, sind daher ein wachsendes Forschungsfeld.
Sonnenpflege als Hautpflege
Was die Wissenschaft seit Jahren beschreibt, zeigt sich 2026 auch im Markt: Sonnenschutz hat seinen Charakter als Saisonprodukt endgültig abgelegt: Sonnenschutz wird zunehmend als täglicher Hautpflegeschritt verstanden, bewertet mit demselben Wirksamkeitsanspruch wie Hautpflegeprodukte.
Formatinnovationen treiben diese Entwicklung: Getönte Sonnenschutzmittel und SPF-Sticks integrieren Schutz in bestehende Routinen.
Parallel dazu zeichnet sich mit Climate-Adaptive Skincare eine nächste Entwicklungsstufe ab: Formulierungen, die sich aktiv an wechselnde klimatische Bedingungen anpassen.
Kunden erwarten Sonnenschutz, der nicht nur schützt, sondern sich auch nahtlos in ihre tägliche Hautpflegeroutine einfügt und auf ihre Lebensbedingungen eingeht.
Fazit
Der Lichtschutzfaktor bleibt eine unverzichtbare Kenngröße, bildet jedoch nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Schutzbedarfs ab. Die Forschung der letzten Jahre hat belegt, dass UV-A, sichtbares Licht, Infrarotstrahlung und Luftverschmutzung eigenständige, teils synergistisch wirkende Hautschäden verursachen. Next Gen Protection bedeutet: Breitbandschutz durch photostabile UV-Filter, gezielte HEV-Abschirmung durch Eisenoxide, antioxidative Stabilisierung sowie mikrobiomkompatible Formulierungsansätze. Konsequenter UV-Schutz bleibt die unverzichtbare Basis. Alles Weitere baut darauf auf.
Quellen:
Bernstein, E. F., Sarkas, H. W., Boland, P., & Bouche, D. (2020). Beyond sun protection factor: An approach to environmental protection with novel mineral coatings in a vehicle containing a blend of skincare ingredients. Journal of Cosmetic Dermatology, 19(2), 407–415.
Breakell, T., Kowalski, I., Foerster, Y., Kramer, R., Erdmann, M., Berking, C., & Heppt, M. V. (2024). Ultraviolet filters: Dissecting current facts and myths. Journal of Clinical Medicine, 13(10), 2986.
Geisler, A. N., Austin, E., Nguyen, J., Hamzavi, I., Jagdeo, J., & Lim, H. W. (2021). Visible light. Part II: Photoprotection against visible and ultraviolet light. Journal of the American Academy of Dermatology, 84(5), 1233–1244.
Gilaberte, Y., Piquero-Casals, J., Schalka, S., Leone, G., Brown, A., Trullàs, C., Jourdan, E., Lim, H. W., Krutmann, J., & Passeron, T. (2025). Exploring the impact of solar radiation on skin microbiome to develop improved photoprotection strategies. Photochemistry and Photobiology, 101(1), 38–52.
Guan, L. L., Lim, H. W., & Mohammad, T. F. (2021). Sunscreens and photoaging: A review of current literature. American Journal of Clinical Dermatology, 22(6), 819–828.
Haykal, D., Lim, H. W., Calzavara-Pinton, P., Fluhr, J., Cartier, H., & Berardesca, E. (2025). The impact of pollution and climate change on skin health: Mechanisms, protective strategies, and future directions. JAAD Reviews, 6, 1–11.
Krutmann, J., Passeron, T., Gilaberte, Y., Granger, C., Leone, G., Narda, M., Schalka, S., Trullas, C., Masson, P., & Lim, H. W. (2020). Photoprotection of the future: challenges and opportunities. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology, 34(3), 447–454.
Lim, H. W., Kohli, I., Ruvolo, E., Kolbe, L., & Hamzavi, I. H. (2022). Impact of visible light on skin health: The role of antioxidants and free radical quenchers in skin protection. Journal of the American Academy of Dermatology, 86(3S), 27–S7.
Narla, S., Kohli, I., Hamzavi, I. H., & Lim, H. W. (2020). Visible light in photodermatology. Photochemical & Photobiological Sciences, 19(1), 99–104.
Ngoc, L. T. N., Tran, V. V., Moon, J.-Y., Chae, M., Park, D., & Lee, Y.-C. (2019). Recent trends of sunscreen cosmetic: An update review. Cosmetics, 6(4), 64.
Rigel, D. S., Lim, H. W., Draelos, Z. D., Weber, T. M., & Taylor, S. C. (2022). Photoprotection for all: Current gaps and opportunities. Journal of the American Academy of Dermatology, 86(3S), 18–26.
Spate. (2026, 20. März). Sun care trends 2026: How the US sun care & tanning market is evolving. Abgerufen am 03. April 2026, von https://www.spate.nyc/blog/sun-care-trends-2026-us-market
Kathrin Ludwig
Die Kosmetikwissenschaftlerin (M.Sc.) hat Erfahrung in der klinischen Forschung und arbeitet in der Produktentwicklung mit dem Schwerpunkt Claim Support und Science Communication.