Altbewährt

31.07.2023
Foto: Madeleine Steinbach/Shutterstock.com

Traditionelle Heilkräuter erleben seit einigen Jahren ihr Comeback. In der Kosmetik punkten heimische Pflanzenextrakte und Ölauszüge in Sachen Nachhaltigkeit und regionaler Anbau. Pflanzliche Wirkstoffe wie Johanniskraut haben sich in der Naturmedizin bewährt, sie sind aus der Hausapotheke bekannt und vermitteln Qualität und Wirksamkeit. Gesundheitswissenschaftlerin Elke Klein klärt über den Wirkstoff Johanniskrautöl auf.

Johanniskrautöl ist in der Naturheilkunde als Hautfunktionsöl die ultimative Lösung für trockene, raue und atopische Haut. Was viele nicht wissen: Das Heilkraut eignet sich hervorragend für die Hautpflege bei Akne, als schützende Lippenpflege und für antiinflammatorische Rescue-Produkte. Neben Johanniskrautöl (Mazerat beziehungsweise Ölauszug) werden in kosmetischen Formulierungen vor allem lipophile Johanniskrautextrakte eingesetzt.

Äußerliche Anwendung

Für Paracelsus war Johanniskraut die „Universalmedizin für den ganzen Menschen“. Den meisten ist das heimische Kraut vorwiegend als beruhigendes Arzneimittel ein Begriff.

Tatsächlich gibt es die äußerliche Anwendung noch sehr viel länger. So wurde Johanniskraut (Hyericum perforatum L.) schon in der Antike zur Wundheilung, bei Schürf- und Schnittwunden, bei entzündlichen Hauterkrankungen aller Art und als Soforthilfe bei Verbrennungen eingesetzt, ursprünglich in Form von Auflagen und Wickeln, später auch als Ölauszug.

Der Ölauszug (oder auch Mazerat) ist aufgrund seiner leuchtend roten Farbe auch als Rotöl bekannt. Für die Herstellung werden einzelne Pflanzenteile oder die gesamte Pflanze über mehrere Wochen in ein passendes Basisöl eingelegt. Die fettlöslichen Inhaltsstoffe der Blüten, Blätter und Stiele verbinden sich mit dem Öl und bilden die Basis für das sogenannte Hautfunktionsöl. Dieses kann die Hauterneuerung stimulieren, Rötungen und Entzündungen mildern und unter anderem bei Sonnenbrand und Narben helfen. Außerhalb der Kosmetik wird Johanniskrautöl auch zur Massage bei Muskel- und Gelenkproblemen eingesetzt. Eine Perspektive, die wir auch in der Kabine nutzen können.

Als Trägeröl eignen sich stabile Pflanzenöle wie Oliven-, Mandel- und Sonnenblumenöl, aber auch Jojoba- und Sesamöl. Die rote Farbe entsteht durch den Farbstoff der gelben Blüten. Die intensive Färbung zeigt sich bereits, wenn Sie die Blüten leicht zwischen den Fingern verreiben.

Kosmetisch relevante Inhaltsstoffe im ­Johanniskraut

Hypericin: roter Farbstoff mit antibakteriellen Eigenschaften.

Hyperforin: entzündungshemmender und zellstimulierender Wirkstoff.

Gerbstoffe mit adstringierenden und antiinflammatorischen Effekten.

Flavonoide: sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer und entzündungshemmender Wirkung.

Ätherische Öle: unter anderem krampflösende und zellregenerierende Eigenschaften

Lipophile extrakte

Im Gegensatz zu vielen anderen Heilpflanzen gibt es aussagekräftige Studien zur Wirkung von lipophilen (fettlöslichen) Johanniskrautextrakten auf der Haut. Diese sind nicht neu und wurden bereits vor einigen Jahren veröffentlicht, in der kosmetischen Hautpflege aber bisher wenig beachtet.

Johanniskrautextrakte enthalten neben hohen Anteilen sekundärer Pflanzenstoffe antioxidativer Flavonoide und ätherischer Öle den roten Pflanzenfarbstoff Hypericin und den für die Hautpflege besonders relevanten Wirkstoff Hyperforin. Dieser ist nicht nur entzündungshemmend und antibakteriell, sondern er kann die Hautbarriere auch stärken und reparieren sowie den transepider-malen Wasserverlust reduzieren.

Die Haut speichert mehr Feuchtigkeit, raue und schuppige Stellen werden gemildert, und die Hautstruktur zeigt sich deutlich glatter. Darüber hinaus sollen Johanniskrautextrakte in der passenden Formulierung Juckreiz lindern. All diese Eigenschaften sind natürlich nicht nur für atopische Haut von Bedeutung, sondern auch für unreine und entzündliche Haut.

Potenzial Hyperforin

Die Wirkung: Der Pflanzenstoff Hyperforin ist in der Lage, überschießende Immunreaktionen direkt an den Hautzellen zu verhindern. Gleichzeitig soll er die Zellneubildung und somit die Regeneration der Haut fördern. Beides spielt bei der Wundheilung eine Rolle. In experimentellen Untersuchungen zeigte der Wirkstoff ausgeprägte entzündungshemmende und differenzierungsfördernde Effekte. So wird vor allem der Zellstoffwechsel innerhalb der Keratinozyten (Kalziumeinstrom) beeinflusst. Dieser Mechanismus kann das Hautbild bei atopischer Dermatitis und Psoriasis entscheidend verbessern.

Hyperforin hat schon in geringer Konzentration starke antioxidative Eigenschaften. Diese verstärken sich durch den hohen Anteil an Flavonoiden im Johanniskrautextrakt. Der hohe Anteil an Flavonoiden im Extrakt verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Johanniskrautextrakte sind somit hervorragende Radikalfänger und bieten einen gewissen Schutz vor vorzeitiger Hautalterung.

Lichtsensibilität

In der Kosmetik war der Pflanzenwirkstoff lange Zeit kein Thema, zumal davon ausgegangen wurde, dass die topische Anwendung mit einer erhöhten Lichtempfindlichkeit einhergeht. Dies ist laut mehrerer Untersuchungen zumindest für die Anwendung in Emulsionen nicht der Fall. Für das Auftreten einer Photosensibilität bei äußerer Anwendung müssten sehr hohe Konzentrationen des Wirkstoffs verwendet werden –dieser würde dann quasi pur, ohne weitere Fett- und Feuchtigkeitssubstanzen auf die Haut aufgetragen. In seltenen Fällen wurde im Zusammenhang mit Johanniskrautöl über sonnenbrandähnliche Hautreaktionen berichtet. Verantwortlich hierfür ist der Inhaltsstoff Hypericin. Grundsätzlich kann es auch bei der Anwendung einer Creme nicht schaden, vorsorglich auf intensive Sonnenbäder zu verzichten oder einen entsprechenden Sonnenschutz aufzutragen.

Kosmetische Anwendungen

Johanniskrautextrakte eignen sich als Wirkstoff in unterschiedlichsten Präparaten. Angefangen vom Lippenbalsam bis hin zum intensiv rötungsmildernden Rescue-Serum. Sinnvolle Anwendungen sind beispielsweise:

  • als Lippenpflege mit Johanniskrautextrakt, Shea- und Kakaobutter bei rissigen Lippen und nach starker Sonneneinstrahlung.
  • in der Fußpflege als Alternative zur konventionellen Schrundensalbe. Johanniskraut unterstützt die Zellneubildung und kann Risse und Schrunden reduzieren, gegebenenfalls als Alternative zu Urea.
  • in Seren für seborrhoische Haut, auch in Kombination mit weiteren Heilölen, ätherischen Ölen oder Wirkstoffkonzentrationen (Extrakten), zum Beispiel Lavendel und/oder Weihrauch.
  • in barriereaffinen Formulierungen für atopische und hyperempfindliche Haut.
  • in After-Sun-Produkten und rötungsmildernden Masken.
  • als Narbenpflege, auch bei Aknenarben.
  • als Massageöl für Körpermassagen.

Johanniskrautöl ist mit dem passenden Trägeröl perfekt für entspannende Körper-, Rücken-, Hand- oder Fußmassagen. Der Ölauszug ist eine gute Basis für Salben und Cremes und als Wirkstoffkonzentrat.

Tipp für die Kabine: Verwenden Sie ein Johanniskrautöl tröpfchenweise als Maskenzusatz, als ergänzende Ampulle nach dem Ausreinigen oder als Massagezusatz.

Foto: Autorin
Elke Klein

Die Autorin ist Gesundheitswissenschaftlerin und freie Redakteurin. Sie betreibt Ihr Blogazin cline-cosmetics.de und ist Dozentin für medizinische Kosmetik und Aromatherapie.

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