"Stiefkinder" der klassischen Massage

15.02.2012Von: Susanne Thölke

Seltene Massagegriffe

Grundlage der Massagen im kosmetischen oder im Wellnessbereich ist die im 19. Jahrhundert von Pehr Henrik Ling entwickelte klassische oder schwedische Massage. Auch wenn der Wohlfühl- und Entspannungseffekt im Vordergrund steht, spielen die Hauptwirkungen der Massage eine entscheidende Rolle.

In der Kosmetik sollen Massagen die Durchblutung fördern, das venöse und lymphatische System entstauen, die Stoffwechselvorgänge in Haut und Bindegewebe verbessern sowie den Muskeltonus regulieren. In der klassischen Massage gibt es fünf Hauptmassagegriffe:

  • Effleurage/Streichung
  • Petrissage/Knetung bzw. Walkung
  • Friktion/Reibung
  • Tapotement/Klopfung
  • Vibration/„Erschütterung“

Aus diesen fünf Grundgriffen lassen sich noch weitere Grifftechniken abwandeln, wie beispielsweise Rollungen, Schüttelungen, Klatschungen oder Druckpunkte. Nach den Grundregeln sollte eine Massage stets mit Effleuragen beginnen. Diese können zusätzlich auch nach allen anderen Griffen und als Abschluss der Behandlung erfolgen. Petrissagen sind bei den Kunden meist sehr beliebt. Es bietet sich an, sie großflächig als Walkungen anzuwenden. Friktionen in Form von Zirkelungen mit den Fingern oder Handflächen bieten sich oft an markanten Punkten in der Gesichtsmassage an. Dagegen werden die Massagegriffe Tapotement und Vibration leider sehr häufig vernachlässigt. Nachfolgend sollen diese beiden „Stiefkinder“ der klassischen Massagetechnik etwas genauer vorgestellt werden.

Tapotement

Das Tapotement (Klopfung, von frz. tapoter „gegen etwas klopfen; tätscheln“) wenden z. B. viele Menschen bei plötzlich einsetzendem Hustenreiz an, indem sie mit Klopfen auf den Rücken rasche Abhilfe schaffen. Medizinisch wird das Klopfen bei Atemwegserkrankungen eingesetzt. Die Sekrete werden so quasi losgeklopft und können dann leichter hinausbefördert werden. Generell wird das Tapotement zur Steigerung der Durchblutung, zur Erhöhung des Gewebestoffwechsels und damit zur Entschlackung angewandt. Bei dieser Technik unterscheidet man zwischen Klopfen, Hacken und Trommeln.

Das Klopfen wird mit den zur Hohlhand geformten Handinnenflächen durchgeführt. Korrekt ausgeführt entsteht dadurch ein „hohles“ Geräusch. Die zu behandelnden Bereiche werden mit relativ hoher Frequenz beklopft. Dabei erfolgt die Bewegung aus dem Handgelenk, kontrolliert und in rhythmisch schneller Abfolge. Wichtig ist, dass man beim Klopfen nicht nur auf einer Stelle bleibt, sondern das gesamte zu behandelnde Areal abklopft, entweder von Seite zu Seite oder von unten nach oben. Gut geeignet für diese Technik sind alle größeren Muskelpartien wie Waden, Oberschenkel oder die großen Rückenstrecker sowie die Oberarme.

Das Hacken ist eine intensivere Technik und wird mit den Handkanten der Kleinfingerseiten durchgeführt. Dazu stellt man die gestreckten Hände im Abstand von etwa sechs bis zehn Zentimetern auf die zu behandelnde Körperregion. Beim schnellen wechselseitigen Hacken wandern die Hände das gesamte Areal mit kontinuierlichen Bewegungen ab. Hier ist es wichtig, die Intensität abzustimmen, da der Kunde oder die Kundin den Griff schnell als zu fest empfinden kann. Für die korrekte Ausführung sollten die Schultern und Ellenbogen locker hängen, damit mit der nötigen Leichtigkeit und dem unbedingt notwendigen Tempo für diesen Griff gearbeitet werden kann. Mit etwas Übung hat man schnell eine harmonisch schwingende Bewegung raus und die Hände federn beim Hautkontakt elastisch. So ausgeführt ist das Hacken ein überaus beliebter und entspannender Griff, der sich besonders für den Nacken (Trapezmuskel), den großen Rückenstrecker und die Oberschenkelvorder- und Außenseiten eignet.

Beim Trommeln führt man die zu Fäusten geballten Hände in rhythmischen und flotten Bewegungen über den zu behandelnden Bereich. Diese Technik eignet sich am besten für die Oberschenkelaußenseiten und das Gesäß im Rahmen eines Anti-Cellulite-Treatments. Eine weitere Variante stellt eine kleine und eher sanfte Klopfbewegung mit den Fingerspitzen dar. Diese findet z. B. häufig beim „Einklopfen“ einer Ampulle im Gesicht Anwendung. Besonders im Bereich unter den Augen wird dadurch der Lymphfluss angeregt.

Alternativ kann das Zupfen angewandt werden. Dieser ebenfalls sehr anregende Massagegriff zählt im weiteren Sinne ebenfalls zur Familie der Tapotements. Klassisch angewandt in der Region des Unterkiefers und in der Wangenpartie kann so bei erschlafften Konturen die Spannung des Gewebes erhöht werden. Im Bereich des restlichen Körpers lassen sich Beine, Gesäß, Bauch und Arme mit dem stimulierenden Griff bearbeiten.

Vibration

Die Vibration (Erschütterung, von frz. vibration „Schwingung, Zittern“) gehört zur Königsklasse der Massagegriffe, denn es bedarf einiger Übung, bis das Muskelzittern gleichmäßig und effektvoll gelingt. Zunächst legt man die Hand flach auf das zu behandelnde Areal und komprimiert das Gewebe leicht. Der Druck darf jedoch nicht zu stark sein, da sonst schnell die Leichtigkeit dieses Griffes verloren geht. Die Schultern und Oberarme sollten entspannt herabhängen. Die eigentliche Vibration wird durch das Anspannen der Unterarmmuskulatur erzeugt, ohne dass die Hände dabei verkrampfen. Die Vibration kann punktuell erfolgen oder sich über einen größeren Bereich erstrecken. Diese Technik wird als sehr beruhigend wahrgenommen. Punktuell kann die Vibration auch mit den Fingerspitzen ausgeführt werden – eine gute Möglichkeit, diesen Griff im Gesicht einzusetzen. Besonders im Bereich der Wangen kann so die darunterliegende mimische Muskulatur effizient entspannt werden. Eine sanfte Vibration mit den Händen kann den gelungenen Abschluss einer klassischen Gesichtsmassage am Dekolleté darstellen. Bei der Körpermassage kann die Vibration gut im gesamten Bereich des Rückens angewandt werden, indem man von der Lendenwirbelregion aus beginnend neben der Wirbelsäule hinauf zum Nacken vibriert – im Wechsel mit Effleuragen eine sehr schöne und entspannende Technik. Auch an den Beinen können mit Vibrationen wirkungsvolle Effekte erzielt werden.

Schüttelungen

Weitere Abwechslung bieten die sogenannten Schüttelungen. Hierbei wird die Muskulatur sanft geschüttelt und so eine Lockerung erzielt. Schüttelungen lassen sich besonders gut an den Waden, den Oberschenkeln und den Armen durchführen. Entweder greift man hierzu den entsprechenden Muskel und schüttelt ihn sanft oder man übt erst eine leichte Kompression auf das Gewebe aus und schiebt sie mit „Schüttelbewegungen“ den Muskelverlauf entlang. Danach sollte eine Effleurage folgen. Kontraindikationen sind entzündete Gebiete, Verletzungen, Krampfadern oder venöse Insuffizienz, Traumata oder kürzlich verheilte Brüche und frische Operationsnarben.

Generell gilt eine Massage mit wenigen verschiedenen Griffen als entspannend. Bei einer Wellnessanwendung, bei der die Kundin mal so richtig träumen möchte, sollten Griffe wie das Tapotement eher sparsam bis gar nicht zu Einsatz kommen. Geht es jedoch um eine anregende Massage, erreicht man mit dem Einsatz von Tapotements gute Ergebnisse. Überall dort, wo man die unschöne „Orangenhaut“ findet, sorgt ein intensiver Massagegriff für sichtbare Resultate. Vibrationen können fast immer zu Einsatz kommen, sollten jedoch gut überlegt eingesetzt werden.

Prinzipiell sollte eine Kosmetikerin alle fünf klassischen Massagegriffe können und auch einsetzen. Wer sich mit den Griffen noch unsicher ist, kann auf Massageschulungen die praktischen Fähigkeiten festigen.

Susanne Thölke

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