
Die Hautgefäße
Viele kosmetische Anwendungen zielen darauf ab, das Gefäßsystem der Haut zu beeinflussen, ihren Stoffwechsel anzuregen und sie so zu vitalisieren. Was dabei genau in der Haut passiert, lesen Sie im nachfolgenden Beitrag.
Wie die Hautbarriere, das Bindegewebe oder das Pigmentsystem ist auch das Gefäßsystem der Haut Ziel verschiedener kosmetischer Anwendungen. Das komplexe Netzwerk von Gefäßen besitzt einen etagenartigen Aufbau, wobei sich horizontal und vertikal zur Haut ausgerichtete Abschnitte abwechseln. Grundsätzlich kann man die folgenden beiden Teile des Gefäßsystems unterscheiden: den arteriellen Teil, der sauerstoff- und nährstoffreiches Blut zur Haut bringt, und den venösen Teil, der das Blut wieder in den Kreislauf zurücktransportiert.
Das arterielle System
Die Gefäße, die das arterielle Gefäßsystem bilden, entspringen in den tiefen Muskellogen (=Muskelgruppe, die durch eine Faszie begrenzt ist), ziehen durch das Unterhautfettgewebe und gelangen schließlich mit einem Durchmesser von etwa 100 µm an die Grenze von Unterhautfettgewebe und Dermis (Lederhaut). Hier verzweigen sie sich dann in ein zur Hautoberfläche waagrecht orientiertes Gefäßnetz – den so genannten tiefen dermalen Plexus.
Aus diesem Geflecht entspringen wiederum Gefäße, die senkrecht zur Hautoberfläche orientiert sind. Sie erstrecken sich bis zur oberen Dermis – an die Grenze zwischen Stratum reticulare und Stratum papillare –, wo sie sich verzweigen und einen weiteren Plexus bilden – den oberen dermalen Plexus. Aus beiden Plexus entspringen Kapillaren (feinste Verzweigungen der Blutgefäße).
Aus dem tiefen dermalen Plexus reicht ein Kapillarnetz zu den Hautanhangsgebilden, den Adnexen, vornehmlich zu den Haaren und den Hautdrüsen.
Aus dem oberen dermalen Plexus entspringen die Kapillaren der obersten Schicht der Lederhaut und der Papillen. Letztere besitzen eine charakteristische haarnadelförmige Gestalt. Sie bestehen aus einem afferenten (zuführenden) Schenkel, und einem effe-renten (abführenden) Schenkel, aus dem das Blut in die venösen Gefäße gelangt. Der Durchmesser der Hautgefäße verringert sich kontinuierlich bis zu den Hautkapillaren, bei denen er noch etwa 10 µm beträgt.
Das venöse System
Das venöse System zeigt eine Gefäßarchitektur, die dem arteriellen System sehr ähnlich ist. Es ist ebenso etagenartig aufgebaut: Senkrecht zur Hautoberfläche orientierte Gefäßabschnitte wechseln sich mit waagrecht orientierten Gefäßen ab. So münden die ersten kleinen Venen in den oberflächlichen Plexus, bei dem man wiederum einen oberflächlichen und tiefen Anteil unterscheidet. Aus diesem Plexus gelangt das Blut dann über weitere Venen in die tiefen größeren Venen.
Nicht in allen Abschnitten des Gefäßsystems sind arterielle und venöse Gefäße funktionell vollständig getrennt. Ein Beispiel hierfür sind jene Verbindungen zwischen arteriellen und venösen Gefäßen – auch arteriovenöse Anastomosen genannt –, die eine Umgehung der Kapillaren ermöglichen.
Mal geweitet, mal verengt
Die Durchblutung der Haut wird durch Vasokonstriktion (Engstellung der Gefäße) und Vasodilatation (Weitstellung der Gefäße) reguliert. Beide Zustandsänderungen beruhen darauf, dass sich der Tonus der Muskulatur in den Gefäßwänden ändert. Letzterer unterliegt verschiedenen Einflüssen.
Im Ruhezustand dominiert das sympathische Nervensystem. Es übt einen vasokonstriktorischen, also verengenden, Einfluss auf die Hautgefäße aus. Die Stärke dieser Engstellung kann allerdings regional sehr unterschiedlich sein.
Außerdem wirkt sich ein wichtiger neuronaler Mechanismus aus, der so genannte Axonreflex. Diesem werden vor allem die Effekte zugeschrieben, die durch lokal angewandte Wirkstoffe ausgelöst werden. Dabei geht man davon aus, dass die Aktivierung sensorischer Nervenfasern nicht nur Empfindungen auslöst, die auf mechanischen oder Temperatureinflüssen beruhen, sondern auch – ähnlich einem Reflex – dazu führt, dass die Durchblutung der Haut zunimmt.
Die Wissenschaftler vermuten, dass Querverbindungen zwischen den Endigungen der sensorischen Nervenfasern vor allem in der Dermis, aber auch in der Epidermis und den Hautgefäßen diesen Reflex auslösen. Werden solche Fasern durch externe Reize aktiviert, werden entsprechende Signale an die Hautgefäße weitergeleitet und daraufhin die entsprechenden Botenstoffe ausgeschüttet.
Entscheidende Funktionen
Eine besonders wichtige Aufgabe des Gefäßsystems ist es, das Hautgewebe mit Nährstoffen und Sauerstoff zu versorgen und Stoffwechselprodukte und Kohlendioxid abzutransportieren.
Wesentlich ist das Gefäßsystem für die Regulation des Wärmehaushaltes. Während die Vasokonstriktion einen zu großen Temperaturverlust vermeiden kann, trägt die Vasodilatation zur Wärmeabgabe bei. Hier spielen die arteriovenösen Anastomosen, die Verbindungen zwischen arteriellen und venösen Gefäßen, eine wichtige Rolle: Öffnen sich diese Abschnitte des Gefäßsystems, umgeht der Blutstrom die Kapillaren und füllt die Venengeflechte. Von dort aus wird die Wärme besonders gut an die Umgebung abgegeben.
Außerdem ist das Gefäßsystem der Haut an Immunreaktionen und an der Kreislaufregulation beteiligt.
Autor: Dr. med. Tilmann Reuther
Ein typisches Beispiel für eine derartige reflexartige Gefäßreaktion der Haut ist die Histaminreaktion: Injiziert man diese Substanz in die Haut, juckt es um die Einstichstelle, die Haut rötet sich und es bildet sich eine Quaddel.
Während das Quaddel-Symptom bei einem Ödem im Bindegewebe auf einer Histamin-bedingten Erhöhung der Gefäßdurchlässigkeit beruht, basiert die Rötung auf einer vermehrten Durchblutung, weil die Gefäße weit gestellt sind.
Dass die Gefäße sich weiten, liegt teilweise an der Wirkung des Histamins direkt an den Gefäßen, aber auch am durch Histamin ausgelösten Axonreflex. Dies wird deutlich, wenn man Histamin unter Blockade des Axonreflexes injiziert: Nun bildet sich durch die direkte Histaminwirkung zwar eine Quaddel. Die Rötung ist aber geringer und der periphere Anteil der Histamin-induzierten Rötung, der auf den Axonreflex zurückgeführt wird, fehlt in der Regel vollständig.